21. November 2017

Die Pogromnacht vom 9. November und Psalm 74

Quelle: factum

Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

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Heute gedenken in aller Welt Menschen der Reichspogromnacht vom 9. November 1938. In ganz Deutschland wurden Synagogen geschändet, Juden misshandelt, ermordet, verhaftet, durch die Strassen getrieben. Es war der in aller Offenheit zelebrierte Auftakt zur Judenvernichtung. Zum Gedenken an die Ermordung der Juden und zur Mahnung an die Verfolger und Bedränger der heutigen Juden eine Auslegung von Psalm 74.

An Psalm 74 zeigt sich in einer atemberaubenden Weise, wie Gott zu den Menschen spricht: von allgemeiner Gültigkeit, an Völker und den einzelnen Menschen gewandt, als der Herr der Geschichte, der prophetisch zu seinem Volk redet.

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 war das Fanal zur Judenvernichtung, zum Massenmord an Millionen Menschen. Hunderte von Synagogen gingen zu den Gesängen der Nazihymnen in Flammen auf, im Licht der brennenden Gotteshäuser wehten die Standarten mit den Hakenkreuzen im Wind. Menschen wurden verschleppt, erschlagen. Mit den Thora- Rollen wurde Gottes Wort verbrannt, ein unvorstellbarer Angriff gegen Gott und Mensch, ein Triumph des Bösen.

Verfolgung durch antigöttliche Horden

Psalm 74 schildert eine schreckliche Verfolgungssituation durch antigöttliche Horden. Eine Situation wie die geschilderte ist Teil des universellen historischen Geschehens. Grausame Verfolgung hat das jüdische Volk in seiner Geschichte immer wieder erlebt. So erinnert dieser Psalm auch an die Verfolgung in der Zeit der Makkabäer. In unseren Tagen ist der Judenhass, sind die Angriffe auf das jüdische Volk wieder alltäglich. Auch die Verfolgung von Christen ist ein massenhaftes Phänomen: vor allem in Nordkorea und in vielen islamischen Ländern.

Neben dieser universellen Verfolgungssituation sind die Worte von Psalm 74 auch prophetisch. Sie benennen konkrete historische Gegebenheiten des 9. November 1938. Jedes Detail, das in dem Psalm genannt wird, trifft die damaligen Ereignisse. Wenn man diese Worte liest, kann es sein, dass es einem «wie Schuppen von den Augen fällt». Bemerkenswert ist, dass dies umso mehr zutrifft, je exakter die Übersetzung ist.

Der Psalm ist eine bittere Klage über die aussichtslose Situation einer Minderheit, ausgeliefert an eine böse Macht, die tun und lassen kann, was sie will. In dem Flehen um Hilfe aber ( «Bis wann, o Gott, soll höhnen der Bedränger, soll der Feind deinen Namen verachten immerfort?»), in diesem Rufen zu Gott zweifelt der Psalmist nicht an seinem Herrn. In jedem Moment ist dem Rufenden bewusst, dass Gott auch in diesem Geschehen der Herr der Geschichte bleibt – und in einer unverstandenen Weise alles in seiner Hand hält. In mehreren Versen wird an Gottes Macht als Schöpfer erinnert («Dein ist der Tag und auch die Nacht»). Der Psalmist weiss, dass in der Hand dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat, mit Raum und Zeit auch alles Sein und Geschehen geborgen ist.

Die Situation, die geschildert wird, stellt sich so dar: Der Feind, der hier offensichtlich über die absolute Macht verfügt, hat die Heiligtümer im Land, die Gotteshäuser, zerstört, geschändet, niedergebrannt: «Sie haben dein Heiligtum (wörtlich: Heiligtümer) in Brand gesteckt, bis auf den Grund entweiht die Wohnung deines Namens.»

Nazihorden unter ihrem Götzenzeichen

Der Widersacher hat sein dämonisches Werk mit Gründlichkeit erledigt, «mit Beilen und Brechstangen» alles zerschlagen: «Alles hat der Feind im Heiligtum verwüstet.» Das Ganze geht mit einem triumphalistischen Aufruhr einher, «es brüllen deine Widersacher», sogar «inmitten deiner Versammlungsstätte». Ihr Erkennungszeichen, das Emblem, unter dem sich diese Täter versammelt haben, das auf den Fahnen und Standarten prangt, präsentieren sie stolz. Es ist ihr Feldzeichen, ihr Götzenbild. Kann man anders als erschüttert lesen: «Sie haben ihr Zeichen als Zeichen (des Sieges) gesetzt. Es sieht aus, wie wenn man Äxte emporhebt im Dickicht des Waldes»? In der ElberfelderÜbersetzung wird in den Anmerkungen als wörtlichere Übersetzung genannt: «Er (d. h. jeder von ihnen) zeigt sich wie einer, der Äxte emporhebt im Dickicht des Waldes.» Das ist das Bild von Nazihorden, die sich unter ihrem Götzenzeichen versammelt haben.

«Bis auf den Grund», lesen wir, entweihen diese brüllenden Verwüster «die Wohnung deines Namens». Aber sie haben Grösseres, Böseres vor: «Sie sprachen in ihrem Herzen: Lasst sie uns allesamt niederzwingen!» In den Elberfelder-Anmerkungen: «Lasst uns ihre Nachkommen allesamt niederzwingen!» «Ihre Nachkommen allesamt»: Das ist Auslöschung. Die Geschichte dieses Volkes soll beendet werden. Dies trifft genau den Geist jener schwarzen Nacht: Sie war gedacht und sie wurde auch tatsächlich der Auftakt eines Handelns mit dem Ziel der Auslöschung. Es war kein spontanes Wüten, sondern kalt bedachtes, planvolles Handeln mit einem weit gesteckten, grauenvollen Ziel.

Antijudaisten und Antichristen

Im Gegensatz zu dem Zeichen der Verfolger, das jetzt überall präsent ist – es begleitet die Verwüstungen –, ist das Symbol der verfolgten Gemeinschaft verschwunden: «Unsere Zeichen sehen wir nicht.» Und tatsächlich setzten die Nationalsozialisten grosse Mühen darein, den Davidstern aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Er war früher in Deutschland ziemlich häufig, in Berlin etwa an Tausenden öffentlicher Gebäude in Stein gemeisselt. Sie mussten alle entfernt werden. Nur an einem einzigen Gebäude hat in ganz Berlin ein Davidstern die Zeit überdauert. Nur einer, aber auch das ist bemerkenswert.

Die Antijudaisten und Antichristen des «Dritten Reiches» machten in einer dämonischen Umkehrung aus dem Davidstern das Fluchzeichen «Judenstern», das gelbe Schandmal und Schmähsymbol der Erniedrigung, Verachtung und Verfolgung. Sie hefteten den Menschen den Stern als Zeichen ihrer Vernichtung an. So wie das Zeichen des Volkes verschwunden ist, so sind auch seine Prediger nicht mehr da, es ist kein Gottesdienst mehr möglich: «Kein Prophet ist mehr da, und keiner bei uns ist da, der weiss, bis wann.» Die Rabbiner sind verfolgt wie ihre Gemeinde und suchen, meist vergeblich, Unterschlupf. Auch diese Situation benennt der Psalm in ihrer ganzen erbarmungslosen Härte: «… die Schlupfwinkel des Landes sind voll von Stätten der Gewalttat.»

Das war das konkrete Erleben ungezählter verfolgter Menschen im «Dritten Reich»: die verzweifelte Suche nach einer Familie, die einen versteckt. Wie viele haben erleben müssen, dass sie keinen Platz mehr gefunden haben, dass die «Schlupfwinkel des Landes» voll waren?

Die existentielle Gegenwart Gottes

Auch in dem folgenden Punkt ist die biblische Schilderung überaus genau und erweist sich als prophetisches Wort: Das «Getöse derer, die sich gegen dich erheben » , ist «ständig aufsteigend» (Elberfelder). Bei Luther heisst es, «das Toben deiner Widersacher wird je länger, je grösser» . So war es: Das war noch nicht der Höhepunkt, es sollte noch schlimmer kommen. Die Vernichtungslager existierten in dieser Zeit noch nicht real, erst in den Vorstellungen ihrer späteren Erbauer.

Man stelle sich vor, mit welchen Gedanken gläubige Juden diese Pogrome erlebt haben! Es war nicht unüblich, grosse Teile der Bibel auswendig zu kennen. In glaubensvolleren Zeiten war das auch bei Christen nichts Aussergewöhnliches, «den Psalter» auswendig zu können, oder auch ein ganzes Evangelium. Sicher haben viele Gläubige an diesem Tiefpunkt deutscher Geschichte sofort verstanden, was hier geschieht. In den Worten des Psalms erfuhren sie die existentielle Gegenwart Gottes. Auch manchem Christen erging es so.

Dietrich Bonhoeffer hat in der Reichspogromnacht sofort erkannt, wovon Psalm 74 unter anderem auch spricht: von diesem Geschehen. Nach einem Gottesdienst sprach ich einmal mit dem betagten Pfarrer im Ruhestand, der gepredigt hatte, und auch er sagte mir: «Ja, das war uns damals klar, wovon dieser Psalm spricht, dass er auch mit dieser konkreten Situation zu tun hat.»

Psalm 74 spricht von der universellen Situation der Verfolgung. Er handelt auch von vergangener, vielleicht auch von künftiger Verfolgung von Christen und Juden.

Die prophetische Dimension der Heiligen Schrift erinnert uns daran, dass die Bibel zu aller Zeit in die jeweilige Gegenwart der Menschen hineingesprochen hat. Auch in unsere Gegenwart. Der Sinn dieses Psalms erschöpft sich in keiner Weise in dieser prophetischen Bedeutung.

Der Sinn biblischer Texte entfaltet sich im existentiellen Erleben des Menschen. Das ist mehr als ein intellektueller Vorgang. So lässt sich Psalm 74 unter anderem auch, ausgehend von dem Satz «Es brüllen deine Widersacher inmitten deiner Versammlungsstätte», als die Erfahrung einer schweren Anfechtung verstehen, die das Herz eines Menschen getroffen hat. Auch bei dieser Lesart gilt, dass diese schwere Zeit im Vertrauen auf den Gott, der Mond und Sonne bereitet hat (V. 16), erlebt wird. (Thomas Lachenmaier)