18. Oktober 2017

Syrien: Immer mehr Christen fliehen

Quelle: idea.de

Ansicht der City von Damaskus/Syrien. Foto: Paul Sippel/pixelio.de

Ansicht der City von Damaskus/Syrien. Foto: Paul Sippel/pixelio.de

Immer mehr Christen fliehen angesichts der zunehmenden Gewalt aus Syrien. Die meisten von ihnen finden im benachbarten Libanon Zuflucht. Dort erhalten sie allerdings oft nicht die notwendige Hilfe.

Damaskus/Göttingen (idea) – Angesichts der Eskalation der Gewalt in Syrien fliehen immer mehr Christen aus dem Land. Die meisten von ihnen finden im benachbarten Libanon Zuflucht. Dort sei ihre Zahl auf mindestens 7.000 angestiegen, berichtet die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen). Die Flüchtlinge würden in den christlichen libanesischen Gemeinden an der Mittelmeerküste im Norden des Landes untergebracht. „Da der libanesische Staat befürchtet, in den blutigen syrischen Bürgerkrieg hineingezogen zu werden, erhalten die syrischen Flüchtlinge oft nicht die notwendige Hilfe“, erklärte der Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido, am 7. August. Die christlichen Gemeinden im Libanon rechnen mit weiteren Flüchtlingen – vor allem aus der nordsyrischen Stadt Aleppo. Dort kämpfen die Truppen des Präsidenten Baschar al-Assad seit zwölf Tagen gegen die Rebellen. Die überwiegend von Christen bewohnten Stadtviertel Aziziye, Sulaymanye, Al-Maydan und Al-Suryan seien bisher von Kämpfen verschont geblieben, so Sido. Wenn dorthin jedoch die Rebellen vorstießen, würden die Regierungstruppen „gnadenlos zuschlagen“ und die Christen müssten die Stadt verlassen. Sido zufolge soll Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) auf die syrische Opposition einwirken, dass die Aufständischen nicht in die christlichen Wohnviertel eindringen. Wie Sido auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, flöhen Christen nicht nur vor den Kämpfen, sondern auch vor Übergriffen durch radikal-islamische Kämpfer. Er widersprach der Darstellung in Medien, dass Christen auf der Seite des Assad-Regimes stünden: „Das stimmt nicht. Sie sind neutral. Sie wollen weiter in Syrien leben, das eine uralte christliche Geschichte hat.“ Zur syrischen Opposition im Ausland gehörten auch Christen.

Syrisch-Orthodoxe: Brutale Hinrichtungen

Anders urteilt der Repräsentant der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, Simon Jacob (Warburg), die Situation. Schon jetzt würden Christen in Syrien verfolgt und vertrieben: „Es hat sogar brutale Hinrichtungen gegeben.“ Die Lage erinnere an die anhaltende Christenverfolgung im Irak. Wenn Präsident Assad gestürzt werde, werde sich die Situation durch das entstandene Machtvakuum für die Christen in Syrien weiter verschlechtern. Christliche Flüchtlinge aus der syrischen Stadt Kusair berichteten einer Korrespondentin von „Spiegel Online“, dass mehrere ihrer Angehörigen von radikalen Islamisten ermordet worden seien. „Ständig wurden wir beschuldigt, für das Regime zu arbeiten“, berichtete eine in den Libanon geflohene Christin dem Magazin. Der syrische Soziologe Ishaq Kanaou sagte dem öffentlich-rechtlichen Auslandssender „Deutsche Welle“ (Bonn): „Die Christen in Syrien haben große Angst, dass islamistische Kräfte an die Macht kommen und sie dadurch zu Bürgern zweiter Klasse werden.“ Diese Befürchtung erwachse auch aus den Erfahrungen, die Christen in Ägypten und vor allem im Irak gemacht hätten, wo sie immer mehr an den Rand gedrängt würden. Dennoch stünden die meisten syrischen Christen inzwischen auf der Seite der Opposition. Nach Angaben der Organisation „Christliche Syrer für Demokratie“ stellen Christen zehn Prozent der Mitglieder des oppositionellen Syrischen Nationalrats.

EKD teilt Besorgnis der syrischen Kirchen

Betroffen vom Leiden der Menschen in Syrien äußerte sich der Nahostbeauftragte des Rates der EKD, der frühere bayerische Landesbischof Johannes Friedrich (Windsbach/Mittelfranken). Man teile die Besorgnis in den Kirchen Syriens, dass ihre Freiheiten für Religionsausübung nun gefährdet werden könnten, schrieb er in einem Kommentar für das Evangelische Sonntagsblatt für Bayern (München). Friedrich: „Und ich sehe kritisch, dass entscheidende Teile der Opposition eine militärische Lösung des Konflikts zu suchen scheinen. Und auch auf ihrer Seite kommen offensichtlich – wie bei den staatlichen Sicherheitskräften – massive Menschenrechtsverletzungen vor.“ Einen Fortbestand des diktatorischen Regimes Assads könne man auf der anderen Seite auch kaum wünschen. „Eine eindeutige Positionierung ist deshalb für uns sehr schwierig“, so Friedrich. Von den 21 Millionen Einwohnern Syriens sind 90 Prozent Muslime und 6,3 Prozent Christen.