18. Oktober 2017

Lebenshilfe – Wie Seelsorge in Krisenfällen gelingt

Quelle: idea.de

Foto: Gerd Altmann/Shapes: AllSilhouettes.com/pixelio.de

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Was sollten Seelsorger im Umgang mit Hilfesuchenden beachten? Dazu hat der Praktische Theologe Prof. Michael Herbst (Foto) in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea Auskunft gegeben. Herbst betonte, dass die Kunst der Seelsorge darin bestehe, die Einmaligkeit zu respektieren, die jeder leidende Mensch für sich erlebe. Neben einem Wortschwall sollten Seelsorger vor allem voreilige Erklärungsversuche und Plattitüden vermeiden.

Wetzlar (idea) – Was sollten Seelsorger im Umgang mit Hilfesuchenden beachten? Dazu hat der Praktische Theologe Prof. Michael Herbst (Greifswald) in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) Auskunft gegeben. Anlass ist sein gerade erschienenes Buch „beziehungsweise.Grundlagen und Praxisfelder evangelischer Seelsorge“ (Neukirchener Verlagsgesellschaft). Herbst zufolge sollten Seelsorger in Krisenfällen vor allem wortarme Anteilnahme zeigen. Es komme darauf an, absichtslos in ein Seelsorgegespräch zu gehen und sich auf den anderen einzulassen. Dabei biete sich nicht immer die Möglichkeit, vom christlichen Glauben zu sprechen. Zurückhaltung empfiehlt Herbst bei der Deutung von Leid und Schicksalsschlägen. Er selbst habe mitunter mehrere Tage schweigend am Sterbebett ausgehalten. Herbst: „Wir dürfen nicht so tun, als ob es für alles eine Erklärung, einen Sinn oder ein Ziel gäbe. Theologisch gesprochen: Die Auferstehung Jesu gibt es nicht ohne die vorherige Trauer um seinen Kreuzestod und die Grabesruhe. Als Seelsorger dürfen wir diese Phase nicht überspringen.“ Die Kunst der Seelsorge bestehe darin, die Einmaligkeit zu respektieren, die jeder leidende Mensch für sich erlebe. Neben einem Wortschwall sollten Seelsorger vor allem voreilige Erklärungsversuche und Plattitüden vermeiden. So solle man Eltern, die ein Kind durch eine Frühgeburt verloren haben, nicht sagen: „Ihr seid doch noch so jung. Ihr könnt doch noch ein Kind bekommen.“ Für wichtig hält es der Theologe, dass ein Seelsorger mit der Bibel lebt. Dann könne er darauf hoffen, dass ihm „die geeigneten Worte im richtigen Moment auch zufallen“. Unter Umständen sei es aber besser, in einem Seelsorgegespräch auf Bibelworte zu verzichten: „Gottes Zuspruch ist so wertvoll und heilig, dass man ihn nicht voreilig geben sollte, wo es offenkundig keine Offenheit dafür gibt.“

Psychotherapeuten stärker gefragt als Seelsorger

Nach Herbsts Beobachtung gehen die meisten Menschen heute eher zum Psychotherapeuten als zum Seelsorger. Pfarrer seien am ehesten noch bei Amtshandlungen als Seelsorger gefragt, also bei Trauerfällen, Taufen und Trauungen. Herbst: „Das normale seelsorgliche Gespräch ist im Pfarramt eher selten geworden.“ Er plädiert dafür, Seelsorge nicht auf den Pfarrer zu reduzieren. Dieser habe in der Regel in Lebenserfahrung keinen Vorsprung vor anderen Mitgliedern der Gemeinde. Zudem seien ältere Seelsorger in der Regel besser als jüngere. Zwar gebe es auch gute 30-jährige Seelsorger, aber dies sei die Ausnahme. Herbst: „Alle mir bekannten Seelsorger haben als junge Menschen Angst gehabt vor der Überforderung. Ich habe mich als Vikar gefragt: ‚Wer bin ich eigentlich, dass ich als 25-Jähriger einer 70-jährigen Frau, die gerade ihren Mann verloren hat, sage, wie sie damit klarkommen soll?’ Ich habe aber gemerkt, dass mir Seelsorge von Jahr zu Jahr leichterfiel, weil ich zu manchen Dingen mehr Erfahrung und Distanz bekommen habe.“

Wie Ehen bestehen können

Herbst äußerte sich auch zur Seelsorge mit Ehepaaren. Eheberatung gehöre neben der Kindererziehung und den Fragen zu Krankheit, Sterben und Tod zu den wichtigsten Themen der Zeit. Paare sollten daher frühzeitig Hilfe in Anspruch nehmen. Gerade Männer lehnten dies jedoch oft ab. Herbst rief die Kirchen dazu auf, Ehevorbereitungskurse anzubieten, in denen es um die Prinzipien des Miteinanders geht. So sollten Paare lernen, dass unterschiedliche Herkunft und Charaktereigenschaften eine große Rolle in der Ehe spielen. Zudem müssten Ehepartner aufhören, den anderen verändern zu wollen. Herbst zufolge geben viele Paare ihre Ehe vorschnell auf: „Der Schmerz, den eine zerbrochene Beziehung mit sich bringt, ist in der Regel größer als der Schmerz, den es gekostet hätte, an der Beziehung zu arbeiten.“ Der 57-jährige Herbst arbeitete nach seinem Theologiestudium als Vikar und Pfarrer an der Evangelischen Matthäuskirche in Münster (1984-1992) und als Krankenhausseelsorger im Kinderzentrum Gilead der von Bodelschwingh-schen Anstalten Bethel (1992-1996). Seither ist er Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät Greifswald und seit 2004 Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung.