23. Oktober 2017

Was Männer an Gemeinden hassen

Quelle: idea.de

Der freie Journalist Axel Reimann. Foto: PR

Der freie Journalist Axel Reimann. Foto: PR

Warum engagieren sich vor allem Frauen in Gemeinden und warum haben Männer so wenig Lust auf Kirche? Der freie Journalist Axel Reimann (Foto) meint, die männliche Lebenswelt kommt in der Gemeindearbeit zu kurz.

Frankfurt am Main (idea) – Warum engagieren sich vor allem Frauen in Gemeinden und warum haben Männer so wenig Lust auf Kirche? Mit diesen Fragen setzt sich der freie Journalist Axel Reimann (Hamburg) in einem Beitrag auseinander, den der evangelisch-methodistische Informationsdienst „podium“ (Frankfurt am Main) in seiner Juli-Ausgabe veröffentlicht hat. Der Autor verweist darauf, dass rund 70 Prozent der Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche weiblich sind. Er hat drei Erklärungen, warum Männer den Gemeinden weithin fernbleiben. Zum einen: „Wir hassen Bildmeditationen mit verwackelten südfranzösischen Kirchenfenstern. Aber auch jede andere Form visueller und akustischer Grausamkeiten in Gottesdiensten, Gemeindefesten oder Grüppchen. Den ganzen religiösen Kalender- und Andachtskitsch, der so gar nichts mit unserer Lebenswelt zu tun hat, aber auch keine wirklich attraktive Gegenwelt bietet.“

Bitte keine „Hagebutten-Spiritualität“!

Außerdem hassten Männer die so genannte „gestaltete Mitte“ in Gesprächsgruppen und bei Gemeindefreizeiten. Dabei sitze man im Kreis und deutele religiös herum. Reimann nennt das „Hagebutten-Spiritualität“. Eine „gestaltete Mitte“ sei „die gar nicht so subtile Aufforderung, die Hosen runterzulassen und zwar existenziell-spirituell-authentisch, meistens in Form einer Vorstellungsrunde mit Menschen, die man noch keine fünf Minuten kennt“. Reimann hat nach eigenen Worten inzwischen eine so „abgrundtiefe Abneigung“ gegen solche Vorstellungsrunden, dass ihm seine Frau dafür ein T-Shirt mit allen Personendaten gemacht habe. Seine dritte Erklärung: Männer „hassen die ‚Lasst uns‘-Floskeln, die wir in der Kirche hören.“ Dazu gehörten Aufrufe wie: „Lasst uns an die Hungernden denken, lasst uns die Schöpfung bewahren, lasst uns Gerechtigkeit üben, lasst uns vergeben, lasst uns den Frieden in der Welt voranbringen und so weiter.“ Diese Sätze würden so abstrakt und inflationär gebraucht, dass sie jede Kraft verloren hätten, die wirkliche Welt zu verändern.

Über den Stress an der Arbeit predigen

Reimann verweist zugleich darauf, dass Männer dennoch laut einer Studie „Männer in Bewegung“ aus dem Jahr 2008 kirchenverbundener und sensibler für Religiosität geworden seien als noch zehn Jahre zuvor. Zur Frage, wie die Kirche offener für die Bedürfnisse von Männer werden kann, schreibt der Journalist: „Also Predigten über den Stress bei der Arbeit, dann angeln für Jesus und die Welt zum Besseren verändern mit einer gestrichenen Wand? Warum nicht?“ Die Männerarbeit der EKD und der Landeskirchen stellten aber auch kreativere Wege vor, wie Männer mit ihrer neu entdeckten Spiritualität in den Gemeinden ankommen könnten: „Erfahrungen in der Natur scheinen zum Beispiel ein wesentliches Element bei der Sinnsuche von Männern zu sein.“ Es bleibe dann die Frage, was die Kirchengemeinde den Männern biete, was der Bund für Umwelt und Naturschutz, Fahrrad- oder Outdoor-Clubs nicht auch oder besser bieten könnten. Reimann: „Die einzig verbliebene, verdächtig fromm klingende Antwort lautet: Christus.“