20. Oktober 2017

Sollen Christen die „Bild“-Zeitung lesen?

Quelle: idea.de

Europas größte Tageszeitung ist umstritten. Foto: Thomas Schneider

Europas größte Tageszeitung ist umstritten. Foto: Thomas Schneider

Keine andere Zeitung in Deutschland polarisiert so stark wie die „Bild“. Seit 60 Jahren erscheint das Massenblatt und erreicht täglich knapp zehn Millionen Leser. Viele Kritiker halten die „Bild“ für niveaulos und zu reißerisch. idea fragt deshalb, sollen Christen die „Bild“-Zeitung lesen? Ein Theologe und ein Publizist nehmen dazu kontrovers Stellung.

Wetzlar (idea) – Bei keiner großen Zeitung sind die Meinungen der Deutschen so stark polarisiert wie bei „Bild“. Das seit 60 Jahren erscheinende Massenblatt erreicht täglich knapp zehn Millionen Leser – so viele wie keine andere Zeitung in Europa. Aber „Bild“ hat auch viele scharfe Kritiker, die sie für niveaulos und reißerisch halten. Sollten Christen die „Bild“-Zeitung lesen? Dazu nehmen ein Theologe und ein Publizist in der Rubrik „Pro & Kontra“ des evangelischen Wochenmagazins „ideaSpektrum“ (Wetzlar) Stellung.

Der lutherische Pastor Heino Masemann – er leitet die „Kirche für Fragende und Suchende“ im Expowal in Hannover – empfiehlt die „Bild“-Lektüre: Sie „versteht es – wie einst Martin Luther (1483-1546) – ‚den Leuten aufs Maul zu schauen‘. Muss sie ja auch, schließlich werden die Redakteure nicht aus Kirchensteuermitteln oder von Gemeindespenden bezahlt.“ Das Blatt thematisiere täglich die Fragen, die die Menschen bewegten, etwa Glück, Geld, Schuld, Vergebung, Lust und Leid, aber auch Glaube, Hoffnung, Liebe. Es mache ihn nachdenklich, so Masemann, dass die Zeitung besonders von jenen gekauft werde, die man in christlichen Veranstaltungen nur selten antreffe: „Täglich fast zehn Millionen Menschen, von denen deutlich mehr als die Hälfte Männer sind.“ Fast die Hälfte verfüge über einen Hauptschulabschluss mit Ausbildung, ein Drittel habe die Mittlere Reife absolviert. „Das verdient Respekt – auch wenn ‚Bild‘ oft respektlos schreibt“, so der Pastor. Zwar seien in ihr viele Inhalte „ein Griff ins Klo“. Christen gehe es aber um die Menschen – um der Liebe Gottes willen. Masemann: „Nur christliche Arroganz und fromme Selbstverliebtheit können uns daran hindern, ‚Bild‘ zu lesen.“ Der Pastor studiert das Blatt nach eigenen Angaben zur Predigtvorbereitung, um nahe bei den Menschen zu sein und die Fragen zu beantworten, die sie stellen: „So kann es gelingen, die Liebe Gottes in Jesus Christus lebensnah in den Alltag meiner Zeitgenossen hinein zu sprechen: als Lebenskraft.“

Kritiker: „Bild“ geht bedenkenlos über Leichen

Ein scharfer Kritiker der „Bild“ ist der Publizist Gerhard Henschel (Hamburg), Autor des Buches „Gossenreport – Betriebsgeheimnisse der ‚Bild‘-Zeitung“. Nach seinen Worten genügt ein Blick auf die Schlagzeilen, um sich ein Urteil zu bilden. Beispiele seien „Penis zu Kurz! Schüler springt vom Hochhaus“, „Taxifahrer zerstückelt – aufgegessen“, „Riesenaffe zerfleischt taubes Kind“ oder „Pinkelte Paris Hilton ins Taxi?“ „Bild“ veröffentliche Mitteilungen, die unter gesitteten Menschen „vollkommen unmöglich“ wären, so Henschel. Dieses „tagtäglich verrichtete Geschäft“ bringe dem Springer-Konzern „so ungeheuerlich viel Geld“ ein, „dass er auch den evangelischen Bischöfen und dem Papst als respektable Macht erscheint“. Wer sich ihr unterwerfe – und sei es nur durch die öffentliche „Bild“-Lektüre – „sollte sich fragen, ob es nicht anständiger wäre die Zeitschrift ‚Mega-Möpse‘ zu studieren: Deren Berichterstattung hat immerhin noch niemandem das Leben gekostet.“ Dagegen gehe die Bild-Zeitung „bedenkenlos über Leichen“. So habe sich der Schauspieler Raimund Harmstorf (1939-1998) erhängt, „nachdem seine Parkinson-Erkrankung von ‚Bild‘ ausgeplärrt worden war“. Henschel: „Da gibt es nichts mehr zu schmunzeln: „Da hilft nur ein radikaler Boykott.“