18. Oktober 2017

Organspende: Wann ist der Mensch wirklich tot?

Quelle: idea.de

Der Hirntod gilt als Voraussetzung für die Organspende. Foto: Pixelio/Günther Richter

Der Hirntod gilt als Voraussetzung für die Organspende. Foto: Pixelio/Günther Richter

In diesen Wochen erhalten alle Bürger Post von ihren Krankenkassen: Nach einem Beschluss des Bundestages soll jeder entscheiden, ob er – im Falle eines Hirntodes – zu einer Organspende bereit ist. Doch wann ist der Mensch wirklich tot? In einem Streitgespräch hat idea damit zwei Experten konfrontiert.

Wetzlar (idea) – „Wollen Sie nach Ihrem Hirntod Organe spenden?“ Mit einer solchen Frage wenden sich die Krankenkassen aufgrund eines neuen Gesetzes an alle Versicherten. Diese können darauf antworten, müssen aber nicht. Viele sind noch unsicher. Denn eine entscheidende Frage ist umstritten: Wann ist der Mensch wirklich tot? In einem Streitgespräch hat die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) damit zwei Experten konfrontiert. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Prof. Günter Kirste (Frankfurt am Main), ist überzeugt, dass der Mensch mit dem Hirntod wirklich tot ist. Hingegen vertritt der Medizinrechtler und Vizevorsitzende der Juristenvereinigung Lebensrecht, Rainer Beckmann (Würzburg), die Auffassung, dass der Organtod des Gehirns nicht für die Todesfeststellung ausreicht.

Beckmann: Wo bleibt die Seele?

Eine rein materialistische Sicht klammert nach seiner Ansicht die geistige Seite des Menschen – seine Seele – aus. Zudem sei ein für „hirntot“ erklärter Mensch auf der Intensivstation „zu 95 Prozent ein lebender Organismus“. Auch wenn das Gehirn schon abgestorben sei, seien die anderen Organe noch lebensfähig. Am Anfang des Sterbeprozesses sei die Feststellung des Todes unsicher; erst am Ende sei sie „todsicher“. Beckmann: „Der Mensch ist nicht tot, wenn lediglich sein Gehirn ausgefallen ist.“

Kirste: Hirntod ist eine der sichersten Diagnosen

Für Kirste steht jedoch medizinisch fest, dass ein hirntoter Mensch wirklich tot ist. Die Körperfunktionen würden lediglich durch Maschinen künstlich aufrechterhalten. Alles, was man gemeinhin als Menschsein verstehe, sei unwiederbringlich verloren. Ferner sei das Hirn – etwa im Unterschied zum Herzen – nicht wiederzubeleben. Die Hirntoddiagnostik gehöre zudem zu einer der sichersten Diagnosen der Medizin. Zwei Ärzte führten unabhängig voneinander in zeitlichem Abstand die Untersuchungen nach einem festgelegten Protokoll durch. Die Ergebnisse würden genau dokumentiert.

Krankenkassenschreiben im Papierkorb?

Der Bundestag hatte im Mai zur Neuregelung der Organspende die sogenannte Entscheidungslösung beschlossen. Alle zwei Jahre sollen die Deutschen per Post gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit sind. Nach Beckmanns Ansicht wird sich die Spendebereitschaft dadurch nicht deutlich erhöhen: „Das Schreiben der Krankenkasse wird in den meisten Fällen im Papierkorb landen.“ Kirste wagt dazu keine Einschätzung. Das Hauptziel sei, die Menschen so umfassend wie möglich aufzuklären. „Wir leben in einer Solidargemeinschaft und hoffen darauf, dass im Falle eines Unglücks andere Menschen für uns eintreten. Ich denke, dies sollte auch für die Frage einer Organspende gelten.“ Nach Umfragen sind 74 Prozent der Deutschen grundsätzlich damit einverstanden, dass man nach ihrem Tod Organe und Gewebe entnimmt. Doch nur 25 Prozent haben einen Organspendeausweis.