20. Oktober 2017

Klischees gegenüber Freikirchen

Quelle: idea.de

Die Dokumentation „Um Gottes willen – Christliche Parallelwelten in Deutschland“ ist umstritten. Foto: PR

Die Dokumentation „Um Gottes willen – Christliche Parallelwelten in Deutschland“ ist umstritten. Foto: PR

Auf Kritik und Zustimmung ist die Fernsehdokumentation „Um Gottes willen – Christliche Parallelwelten in Deutschland“ des WDR gestoßen. Die Journalistin Christina Zühlke hat ein Jahr lang in evangelischen Freikirchen recherchiert. Sie warf Christen darin unter anderm vor, „durch eine rigide Sexualmoral Menschen psychisch krank“ zu machen.

Köln (idea) – Auf Kritik und Zustimmung ist die Fernsehdokumentation „Um Gottes willen – Christliche Parallelwelten in Deutschland“ gestoßen, die am 8. Juli vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) ausgestrahlt wurde. Die Journalistin Christina Zühlke, die nach WDR-Angaben ein Jahr lang in evangelischen Freikirchen recherchiert hat, warf darin freikirchlichen Christen vor, „durch eine rigide Sexualmoral Menschen psychisch krank“ zu machen, Dämonenaustreibungen zu betreiben, eine Erziehung mit dem Rohrstock zu befürworten und Homosexuelle auszugrenzen. Als Zeugen für die Thesen wurde eine namentlich nicht genannte und auch nicht gezeigte „Frau B.“ präsentiert, die ihrer ebenfalls nicht genannten Gemeinde vorwarf, alles kontrollieren zu wollen und dadurch auf die Gemeindemitglieder einen „ungeheuren Druck“ auszuüben. Zu Wort kam auch eine Frau „Katja“, die nach 20 Jahren in einer Freikirche ausgetreten und dadurch wieder genesen sei. Weil sie immer in Sorge gewesen sei, den Erwartungen nicht zu entsprechen, habe sie Angst bekommen. Die Folge sei eine chronische Darmentzündung und ein Schlaganfall mit 38 Jahren gewesen, behauptet der Beitrag.

Kritik: Das Eigentliche des Christseins kam nicht vor

Dass geistliches Leben auch wohltuend sein könne, wurde am Beispiel des zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden gehörenden Christlichen Centrums in Troisdorf (bei Köln) präsentiert, sowie an der zu dieser Gemeinde gehörenden Familie Piepenstock. Fazit der Journalistin: „Bei den Piepenstocks scheint die Welt in Ordnung zu sein.“ Dennoch zeigte sich die Mutter, Claudia Piepenstock, betroffen von dem Film. Sie bedauerte gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, dass er „das Christsein auf Klischeefragen reduziert“ habe. Dass es im christlichen Glauben letztlich um eine Beziehung zu Jesus Christus gehe, sei gar nicht behandelt worden. Ihr Glaubenszeugnis sei nicht verwandt worden. Im Kennenlerngespräch mit dem Fernsehteam sei der Familie auch ein anderes Thema für den Film genannt worden, nämlich „Christliches Leben außerhalb der evangelischen und katholischen Dorfkirche“. Trotz aller Vorbehalte könne sie dem Beitrag aber auch Positives abgewinnen: „Dass wir in dem Film mitwirken konnten, sehen wir als Führung Gottes: Jetzt beten wir für Frau Zühlke und die Kameraleute.“

Warum Studenten nicht an die Evolution glauben

Kritik wurde in dem Beitrag an der Arbeit der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ (Baiersbronn) geübt. Sie sei mit dafür verantwortlich sei, dass bis zu 15 Prozent aller Studenten an der Universität Dortmund „nicht an die Evolution“ glaubten und deshalb für „ein modernes Menschenbild“ nicht aufgeschlossen seien. Der Geschäftsführer der Studiengemeinschaft, Reinhard Junker (Baiersbronn/Schwarzwald), teilte auf idea-Anfrage mit, dass der WDR die Organisation nicht um eine Stellungnahme gebeten habe: „An der sachlichen Seite bezüglich der Schöpfung bestand offenbar kein Interesse.“ Wenn der Glaube an die göttliche Schöpfung aber im Widerspruch zum modernen Weltbild stehe, so treffe dieser Vorwurf alle Christen, denn Gott werde als Schöpfer auch im Apostolischen Glaubensbekenntnis genannt. Trotz mancher Differenzierungen habe der Film „wie üblich Evangelikale insgesamt diskreditiert“.

Rheinischer Kirchenvertreter sieht den Film positiv

Der im Film ebenfalls zu Wort gekommene Beauftragte für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland, Andrew Schäfer (Düsseldorf), hält das Anliegen des Films für berechtigt. Es gebe tatsächlich in manchen freikirchlichen Gemeinden die Tendenz, sich von der Gesellschaft abzuschotten und sich in eine Parallelwelt zurückzuziehen. Zugleich räumte er ein, dass Zuschauer durchaus den Eindruck haben könnten, die erwähnten destruktiven und gefährlichen Beispiele und Probleme „gebe es im weit überwiegenden Teil der evangelikalen Milieus: Das ist natürlich so nicht wahr.“ Doch viele der vorgetragenen Probleme begegneten ihm in seiner Beratungsarbeit immer wieder. Sein Fazit: „Im Ganzen finde ich den Film okay.“

Die Sendung ist am Samstag, 14. Juli um 9.30 Uhr im WDR zu sehen.