15. Dezember 2017

Theologie: Bibelkritik ist keine Erfolgsgeschichte

Quelle: idea.de

Foto: PR

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Wetzlar (idea) – Die Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommene historisch-kritische Bibelauslegung ist keine Erfolgsgeschichte. Vielmehr hat diese Form der Theologie bewirkt, dass das kirchliche Leben in Deutschland ausblutete und an den Rand der Gesellschaft gerückt wurde. Diese Ansicht vertritt der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Theologie, Rektor i.R. Rolf Hille (Heilbronn), in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar).

Der von zahlreichen Theologieprofessoren gelehrte historisch-kritische Umgang mit der Bibel sei im Ansatz atheistisch, weil er ein Eingreifen Gottes – etwa beim Auszug Israels aus Ägypten oder bei der Auferstehung Jesu – von vornherein ausschließe. Hille vergleicht die historisch-kritische Bibelauslegung mit einem Hai, der seinen Fang restlos abnagt, und von der Bibel nur noch ein Skelett übrig lässt. Damit habe diese Methode zur „Selbstsäkularisierung“ der evangelischen Kirchen beigetragen, die auch der frühere EKD-Ratsvorsitzende, Bischof i.R. Wolfgang Huber (Berlin), beklagt habe.

Weltweit sind liberale Theologen in der Minderheit

Laut Hille hat die historisch-krtisiche Theologie weder die Intellektuellen noch das Volk erreicht, sondern nur tiefe Verunsicherung bewirkt. Das Ergebnis sei, dass sich viele Menschen fragten, wozu sie Christen sein sollten. Keine Einwände hat Hille gegen eine historische Forschung, die biblische Berichte mit philologischen oder archäologischen Methoden untersucht, ohne sie von vornherein in Frage zu stellen. Nach seinen Worten bilden liberale Theologen innerhalb der weltweiten Christenheit eine Minderheit. Wie die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen sei auch die evangelikale Bewegung überzeugt, dass die Bibel Gottes inspiriertes Wort sei. Hille rät den Evangelikalen, zu der weltweit rund 600 Millionen Christen gerechnet werden, zu mehr Selbstbewusstsein. Er ist ehrenamtlicher Ökumene-Sprecher der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz,

Kirchen sollen evangelikale Studiengänge anerkennen

Ferner plädiert Hille für eine kirchliche Anerkennung der theologischen Studiengänge an evangelikalen Ausbildungsstätten. Sie seien eine „fruchtbare Konkurrenz“ zu den theologischen Fakultäten an den Universitäten. Der vom Deutschen Bundestag eingesetzte Wissenschaftsrat habe die Qualität evangelikaler Studiengänge bestätigt. Es sei „eine Frage der Fairness, dass sich die Landeskirchen und theologischen Fakultäten nicht abschotten, sondern Studienleistungen an evangelikalen Einrichtungen ebenfalls anerkennen“. Die Dachorganisation „Evangelisch-theologischer Fakultätentag“ solle sich der inhaltlichen Auseinandersetzung stellen, anstatt ein Hoheitsrecht bei der Festlegung zu beanspruchen, welche Ausbildungsstätten als wissenschaftlich gelten können. Hille leitete von 1995 bis 2009 das von Pietisten gegründete studienbegleitende Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen. Evangelikale Ausbildungsstätten mit Hochschulniveau sind unter anderen die Freie Theologische Hochschule in Gießen und die Internationale Hochschule Liebenzell.