15. Dezember 2017

Ethik: Sollen Christen immer die volle Wahrheit sagen?

Quelle: idea.de

Foto: Gerd Altmann/Shapes:dezignus.com/pixelio.de

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Wetzlar (idea) – „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ – also nicht lügen, heißt es in den Zehn Geboten. Aber soll und kann man immer die volle Wahrheit sagen – auch wenn sie andere verletzt? Zu dieser Frage haben zwei Christen im Nachrichtenmagazin ideaSpektrum der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) in „Pro und Kontra“- Beiträgen Stellung genommen.

Dem Direktor des Gemeinde- und Gemeinschaftsverbandes „Evangelische Gesellschaft für Deutschland“, Andreas Klotz (Radevormwald bei Wuppertal), zufolge soll Kommunikation der Verständigung dienen und nicht der Tarnung. Klotz: „Verschleierungen und nicht aufrichtig gemeinte Aussagen machen aus der zwischenmenschlichen Kommunikation einen Dschungel, in dem wir uns verirren. Denn niemand kann auf Dauer die sich ansammelnden Unwahrheiten, Halbwahrheiten und Höflichkeitslügen managen, ohne dass Beziehungen darunter leiden.“ Die Bibel fordere Christen dazu auf, dass ihre Rede eindeutig sein soll: „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit ein jeder mit seinem Nächsten“ (Epheser 4,25). Mitteilungen sollten daher nicht so „verpackt“ werden, dass sie dadurch einen irreführenden Charakter erhalten, so Klotz. Zugleich dürfe man jedoch auch nicht eine „lieblose und fast schon brutale Art der Kommunikation praktizieren“. Klotz: „Aufrichtigkeit ist keine Waffe, mit der ich andere brüskiere und provoziere, sondern eine Verpflichtung, die mich selbst herausfordert.“ Ehrliche Kommunikation erfordere Sorgfalt und liebevolle Umsicht bei der Wahl der Worte. Wer diese Mühe auf sich nehme, werde zwar manchmal ein unbequemer, aber immer vertrauenswürdiger Partner sein, bei dem die Menschen wissen, woran sie sind.

Höflicher Umgang mit der Wahrheit

Der Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats und Leiter der TYP Akademie, Rainer Wälde (Limburg/Lahn) verdeutlichte an drei Situationen, wie man Wertschätzung ausdrücken kann, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen: 1. Beispiel Komplimente: „Ich bin eingeladen, aber das Essen schmeckt mir nicht. Soll ich der Gastgeberin, die seit zwei Stunden in der Küche steht, dies auf den Kopf zusagen? Wohl kaum. Doch wie drücke ich ehrliche Wertschätzung aus, ohne zu lügen? Ich würde folgende Formulierung wählen: Vielen Dank für den schönen Abend und Deinen Einsatz als Gastgeberin.“ 2. Beispiel Zeit: „Ich will dringend einige Dinge erledigen. Da klingelt das Telefon – eigentlich passt mir der Anruf nicht. Sage ich das ehrlich? Oder erfinde ich eine „Wichtigkeitsstufe“, um das Gespräch kurz zu halten? Auch hier rate ich zu aufrichtiger Kommunikation: Vielen Dank, dass du an mich denkst – das finde ich klasse! Ich habe mir für heute noch einiges vorgenommen, was ich abarbeiten möchte – nicht ‚muss!‘ –, können wir eine Zeit vereinbaren, um in Ruhe zu telefonieren?“ 3. Beispiel Krankheit: „Ich erfahre von einer lebensbedrohlichen Diagnose. Soll ich den Kranken damit konfrontieren? Ich werde es nie vergessen: Als meine Frau Bettina mit 37 Jahren die Diagnose Krebs erhielt, kamen die Ältesten der Gemeinde, um mit uns zu beten. Der Pastor brachte an diesem Abend seinen Eindruck auf den Punkt: ‚Es liegt ein Hauch des Todes in der Luft.‘ Als Angehöriger fand ich diesen Satz völlig daneben – schließlich ging es doch um Heilung. Im Nachhinein bewerte ich seinen Ausspruch als absolut ehrlich und enorm mutig. Er hat sich im Angesicht des Todes nicht zu einer Notlüge verleiten lassen. Doch war es wirklich klug? Meine Schwiegereltern und mich hat die Hoffnung durch neun tiefe Monate getragen. Diese Hoffnung sollte man niemandem nehmen – solange es keine falsche Hoffnung ist.“