24. Oktober 2017

Wie ruhig muss ein „stiller“ Feiertag sein?

Quelle: idea.de

Foto: Christina Bieber/pixelio.de

Foto: Christina Bieber/pixelio.de

Hannover/Darmstadt (idea) – Der Karfreitag ist ein „stiller“ Feiertag. Tanz- und andere Unterhaltungsveranstaltungen sind gesetzlich untersagt und können mit Bußgeldern geahndet werden. Doch an dem Verbot wird zunehmend gerüttelt: Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen und die Piraten, Diskothekenbetreiber und Schausteller halten die Karfreitagsruhe für nicht mehr zeitgemäß und sehen die Freiheit von Andersgläubigen und Atheisten eingeschränkt.

In der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen hat die Piratenpartei an Karfreitag zu einer Tanz-Demo gegen das Tanzverbot aufgerufen. Die evangelische Kirche lehnte eine Aufweichung des Feiertagsschutzes entschieden ab. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), zeigte sich „überzeugt, dass verbindliche Vereinbarungen zum Schutz kulturell bestimmter Festtage dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft dienen – gerade in unserer Zeit“. Der Karfreitag sei einer der höchsten Feiertage der Christenheit: „Ohne Karfreitag kann es kein Ostern geben. Ohne Kreuz und Auferstehung Jesu Christi gäbe es keine christliche Kirche.“

Die Kraft der gemeinsamen Stille

Ähnlich sieht es der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. Die Stille am Karfreitag sei „die ausgedehnte Schweigeminute einer ganzen Gesellschaft“. Sie gelte allen leidenden Menschen sowie den Opfern von Terror und Gewalt: „Die Kraft einer solchen gemeinsamen Stille stärkt eine Gesellschaft.“ Er sieht in der Karfreitagsruhe ein Eingeständnis der eigenen Sprachlosigkeit angesichts von Gewalttaten. Dabei erinnerte er an an die Ermordung der elfjährigen Lena in Emden, die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle und an das Massaker auf der norwegischen Insel Utöya. Diese Taten hinterließen offene Fragen: „Auch als Theologe, als Bischof, habe ich keine Antworten darauf – nur die Hoffnung, dass Gott den Schmerz teilt.“ Der Kreuzestod von Jesus Christus vor 2.000 Jahren sei zu einem Bild dafür geworden, dass Gott den Menschen im Leiden zur Seite stehe. Auch der theologische Leiter der Bremischen Evangelischen Kirche, Schriftführer Renke Brahms, verteidigt die Stille am Karfreitag: „Ich glaube, dass viele Menschen einen stillen und ruhigen Tag brauchen.“ Tanzen sei an diesem Tag privat niemandem untersagt, so Brahms. Das Verbot beziehe sich allein auf gewerbliche Veranstaltungen.

Kirchenaktion zum Karfreitag

Die hessen-nassauische Kirche möchte den Karfreitag stärker als gesellschaftliches Thema ins Gespräch bringen – mit einer regionalen Plakat- und einer bundesweiten Internetaktion. Banner zeigen eine blutige Hand, deren Finger zu einem Siegeszeichen geformt sind. Das Motiv ist an weiteren 61 evangelischen Gebäuden sowie an 131 Litfasssäulen in Gießen, Mainz, Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt zu sehen. Parallel dazu hat die Kirche eine Internetseite in Betrieb genommen: Auf www.karfreitag.de heißt es zu der Kampagne: „Dieser Tag ist wichtig!“ Plakate und Banner tragen zudem die Aufschrift „Opfer?“ Das sei ein Wort aus der Alltagssprache und zugleich ein wichtiger Begriff des christlichen Glaubens, erläuterte Kirchenpräsident Volker Jung (Darmstadt). Am Karfreitag sei Jesus Christus am Kreuz hingerichtet worden. Darauf weise die durchbohrte, blutige Hand hin. Christus sei Opfer von menschlichem Hass und Gewalt geworden. Das Kreuz stehe darum dafür, dass Gott sich mit den Menschen verbunden habe. Christen sähen den Tod Jesu am Kreuz aber immer zugleich im Licht seiner Auferstehung und damit der Überwindung von Gewalt, Leid und Tod. Der Karfreitag habe damit für Christen drei Bedeutungen. Er sei Gedenktag an den gewaltvollen, unschuldigen Tod Jesu, ein Tag der Hoffnung auf ein Ende aller Gewalt und aller Opfer sowie auch ein Trauertag für die Opfer aller Art. Jung bezeichnete die Feiertage und damit auch den Karfreitag als „kulturelle Errungenschaft“, die auch für Nichtreligiöse und Andersgläubige eine Bereicherung sein können. Zugleich warnte er davor, den Karfreitag lediglich als zusätzlichen freien Tag zu sehen: „Wer diesen Tag inhaltlich entkernen will, wird ihn nicht als freien Tag gewinnen, sondern als Feiertag verlieren.“

Volksfest ohne Musik und Hupen

Kein Verständnis für den stillen Karfreitag haben die Schausteller. In Norddeutschland pochen sie auf eine Ausnahmeregelung. Ein geöffneter Karfreitag wäre „für uns aus wirtschaftlicher Sicht bestimmt ein Erfolg“, sagte der Vorsitzende des Bremer Schaustellerverbandes, Rudi Robrahn. Auch Hans-Werner Burmeister vom Schaustellerverband Hamburg plädierte dafür, den Karfreitag für Festveranstaltungen zu öffnen: „Unsere Mitbewerber auf dem Freizeitmarkt wie Museen dürfen das. Wir sind sehr traurig, dass dieser umsatzstarke Tag für uns wegfällt.“ Keine eindeutige Regelung gibt es in Rheinland-Pfalz. In Frankenthal bleibt ein Volksfest an Karfreitag geschlossen; in Speyer drehen sich die Karussells. Der zuständige Dezernent Frank Scheid verweist zur Begründung auf die Erfahrungen aus den vergangenen 20 Jahren. Es habe nie Beschwerden gegeben. Von Anfang an sei am Karfreitag eine „stille Messe“ umgesetzt worden. Die Schausteller hätten dabei auf Musik, Hupen und Lautsprecherdurchsagen verzichtet. Damit sei man dem „Charakter des Feiertags“ gerecht geworden. Insofern sieht er die Vorgabe des Landesfeiertagsgesetzes erfüllt.

Kontroverse um ein Schachturnier

Ärger um den Feiertagsschutz gibt es auch im mittelfränkischen Weißenburg. In der Karwoche finden dort die Mittelfränkischen Schachmeisterschaften statt. Weil nach dem Protest der Kirchen dort am Karfreitag nicht Schach gespielt werden darf, boykottieren nun die Topspieler aus den großen Vereinen das Turnier. Protestanten und Katholiken haben in einer gemeinsamen Erklärung festgehalten, dass sie einen solchen Wettkampf an einem so wichtigen Feiertag für „deplaziert“ halten.