20. Oktober 2017

Partnerschaft: Ist Treue noch zeitgemäß?

Quelle: idea.de

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Berlin (idea) – „Du sollst nicht ehebrechen“, lautet das sechste Gebot. Doch es wird zunehmend in Frage gestellt. Steht die Verpflichtung zur partnerschaftlichen Treue einem stressfreien Liebes- und Familienleben im Wege? Produziert Treue mehr Glück oder mehr Leid? Darüber diskutierten Bundestagsabgeordnete, Wissenschaftler, Paartherapeuten sowie eine Kabarettistin am 24. März vor 230 Zuhörern in Berlin. Eingeladen hatte die Disput Berlin GmbH, die die Streitkultur fördern möchte. Bei der Diskussion zum Thema „Ist Treue vergebliche Liebesmüh?“ sprachen sich je vier Vertreter für bzw. gegen Treue in der Partnerschaft aus.

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, forderte dazu auf, zwischen sozialer und sexueller Treue zu unterscheiden. Man dürfe den Menschen nicht mit der Forderung nach sexueller Treue überfordern. Die Vereinbarung sexueller Treue führe in eine vermeidbare Krise, so der bekennende Homosexuelle. Beck: „Ich wende mich gegen das Treue-Moralaposteltum, sei es in der Form von der katholischen Kirche oder von küchenpsychologischen Lebensratgebern.“ Entscheidend sei der Respekt vor unterschiedlichen Lebenswegen.

Philosoph: Forderung nach Treue richtet viel Schaden an

Nach Angaben des Professors für Philosophie der Biowissenschaften, Eckart Voland (Gießen), haben sich nur 16 Prozent aller Gesellschaften auf eine monogame Lebensweise verständigt. In Deutschland begingen zwei Drittel bis drei Viertel aller Verheirateten mindestens einmal Ehebruch. Ein Mensch könne seine Leidenschaften nicht mit dem Verstand kontrollieren. Zudem sei die Evolution des Menschen ein „außermoralischer Vorgang“. Treue zu fordern, sei nicht human und richte viel Schaden an, so Voland, der dem Beirat der atheistischen Giordano Bruno-Stiftung angehört.

Paarberater: Ehebruch verhilft dem Leben zum Durchbruch

Laut dem Paarberater Michael Mary (Lüttow-Schadeland bei Schwerin) ist es besser, sich selbst treu zu sein, als sich von der Treue zum Partner „knebeln“ zu lassen. Untreue trage dazu bei, Abstand vom Partner zu gewinnen und befreie so von der Wahnvorstellung, unentrinnbar an einen Menschen gebunden zu sein. Ehebruch sei eher die Regel als die Ausnahme und verhelfe dem Leben zum Durchbruch. Wenn jemand fremdgehe, verurteile er ihn nicht, sondern beglückwünsche ihn dazu, so Mary. Nach den Worten der Kabarettistin Désirée Nick (Köln) ist der Treueschwur eine „bourgeoise Phantasie des Biedermeier“. Er verdamme Menschen zur Lüge und treibe sie in ein Doppelleben. Treue sei auf Dauer nicht durchzuhalten: „Der Partner, der für mich heute der ideale Mann ist, muss es in zehn Jahren nicht mehr sein.“ Zudem bestehe bei vielen dauerhaft zusammen lebenden Paaren die Goldene Hochzeit nur aus betreutem Wohnen.

Bundestagsabgeordneter: Ohne Treue fliegt die Gesellschaft auseinander

Für Treue sprach sich hingegen der Bundestagsabgeordnete Norbert Geis (CSU) aus. Der Mensch sei in der Lage, sich willentlich zur ehelichen Treue auf Lebenszeit zu entscheiden. Dies sei die Voraussetzung für den Bestand einer Familie. Zudem sei Treue das wichtigste Prinzip einer Gesellschaft. Ohne sie fliege die Gesellschaft auseinander. Der Katholik wies darauf hin, dass Kinder am meisten unter einer Scheidung zu leiden hätten. Dagegen sei eheliche Treue die beste Voraussetzung für ihr Gedeihen; es gebe ihnen Selbstvertrauen. Auch der Soziologieprofessor Hans Bertram (Berlin) wies auf die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder hin. Die Treue der Eltern zueinander sei für Kinder prägend. Zudem sei sie die Voraussetzung, um sich auch im hohen Alter gegenseitig zu unterstützen.

Ehepaar: Die Ehe ist größeres Abenteuer als Fremdgehen

Nach den Worten der Eheleute und Beziehungsberater Eva-Maria und Wolfram Zurhorst (Bonn) ist Fremdgehen etwas für Anfänger. Es finde heimlich und mit schlechtem Gewissen statt und führe nicht zu einer dauerhaften Erfüllung. Mit dem Ehepartner langfristig zusammen zu leben, sei das größere Abenteuer. Es komme darauf an, den Alltag lebendig zu gestalten, Verletzungen anzusprechen und Krisen gemeinsam durchzustehen. Erfüllende Sexualität gebe es nur in einer langfristigen Beziehung, an der nicht nur der Körper, sondern auch das Herz beteiligt sei. Zu Beginn und zum Ende der Veranstaltung wurden die Zuhörer mittels elektronischer Abstimmung nach ihrer Meinung befragt. Zu Beginn bezeichneten 29 Prozent Treue als vergeblich; 61 Prozent sprachen sich für Treue aus; zehn Prozent enthielten sich. Am Ende der Debatte bezeichneten 49 Prozent der Zuhörer Treue als vergeblich, 42 Prozent stimmten für Treue, neun Prozent enthielten sich.