23. Oktober 2017

Koranverteilung: „Juden und Christen landen in der Hölle“

Quelle: idea.de

Foto: Thomas Schneider

Foto: Thomas Schneider

Köln/Frankfurt am Main/Berlin (idea) – Wer der Bibel folgt, wie es Christen und Juden tun, kommt in die Hölle. Diese Ansicht hat der radikal-islamische Prediger Ibrahim Abou-Nagie (Köln) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vertreten. Der 47-jährige Geschäftsmann steht hinter der Kampagne, mit der Salafisten rund 25 Millionen Koran-Exemplare in 38 Städten im deutschsprachigen Europa verteilen wollen. Schwerpunkt der Aktion „Lies“ der Organisation „Die wahre Religion“ war der 14. und 15. April. Als „Verräter“ bezeichnete Abou-Nagie Muslime, die andere Religionen als gleichwertig mit dem Islam ansehen oder die Aktion kritisieren. Auch sie landeten in der Hölle.

Die Salafisten haben nach Schätzung des Verfassungsschutzes etwa 3.800 Anhänger in Deutschland. Sie treten für die absolute Geltung des islamischen Religionsgesetzes, der Scharia, ein und wollen Staat, Gesellschaft und das Leben des Einzelnen nach ihren Normen umgestalten. Ziel ist in letzter Konsequenz ein Gottesstaat. Nach Erkenntnissen des niedersächsischen Verfassungsschutzes wird die Koran-Verteilaktion aus dem Ausland finanziert, wahrscheinlich aus Saudi-Arabien oder Katar. Für die Herstellung der Exemplare wurden laut Presseberichten 300.000 Euro an eine Ulmer Druckerei bezahlt.

Koranverteilaktion heizt gesellschaftliches Klima auf

In politischen und Sicherheitskreisen wird befürchtet, dass die Aktion das religiöse und politische Klima in Deutschland aufheizt. Als problematisch wird nicht die Verbreitung religiöser Schriften angesehen; vielmehr geht die Sorge um, dass Salafisten die Aktionen nutzen, um Anhänger für ihre extremistische Strömung zu werben. Der Geschäftsführer der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Volker Beck, wies darauf hin, dass das Verteilen religiöser Schriften wie der Koran, die Bibel oder das Buch Mormon nicht verboten, sondern durch die Religionsfreiheit gedeckt sei. Der innenpolitische Sprecher der CDU, Wolfgang Bosbach, sagte in der Passauer Neuen Presse, den Salafisten gehe es nicht nur darum, für ihren Glauben zu werben, sondern auch für ihre politische Ideologie. Diese sei nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu vereinbaren. Er mahnte die kommunalen Ordnungsbehörden, im Einzelfall zu prüfen, ob ein Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung vorliege. Der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) warnte vor einem Missbrauch der Religionsfreiheit. Koran-Ausgaben dürften selbstverständlich verteilt werden, aber Aufrufe zur Gewalt seien davon nicht gedeckt, sagte er der Tageszeitung „Die Welt“. Die niedersächsische Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU) – selbst Muslimin – sorgt sich, dass sich junge Menschen durch die Koranverteilaktion für eine extremistische Ideologie „ködern“ lassen, wie sie der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagte.

Innenminister: Wo Religionsfreiheit endet

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz beobachtet nach Angaben von Innenminister Ralf Jäger (SPD) die Koranverteilaktion, um die Verbreitung von Extremismus zu unterbinden. Wenn zur Gewalt aufgerufen werde, habe jede Kommune das Recht, Informationsstände zu verbieten. Jäger: „Da endet die Religionsfreiheit.“ Unterdessen hat die rechtspolitische und islamkritische Aktion „Pro NRW“ eine Kampagne unter dem Motto „Freiheit statt Islam“ gestartet. Sie ruft dazu auf, Karikaturen zum Thema Islam einzuschicken, die am 8. Mai vor Moscheen gezeigt werden sollen.

Bischof Ulrich: Verbreitung des Korans nicht problematisch

Auch führende Vertreter der großen Kirchen melden sich zu Wort. Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Vorsitzende der nordelbischen Kirchenleitung, Gerhard Ulrich (Schleswig), erklärte, grundsätzlich sei gegen die Verteilung religiöser Schriften nichts einzuwenden. Für das Verständnis einer Religion sei es unerlässlich, ihre Grundlagen zu kennen. Doch dürfe die Koranaktion nicht dazu missbraucht werden, andere Religionen abzuwerten. Verboten gehöre nicht die Verbreitung des Korans, sondern eine möglicherweise damit verbundene „fundamentalistische Absicht“. Eine Gegenoffensive durch die massenhafte Verteilung von Bibeln lehnt Ulrich ab. Dann würde sie zum „ideologischen Werkzeug“. Der katholische Weihbischof Hans-Jochen Jaschke (Hamburg) wertet die Koranverteilaktion als Störung des Religionsfriedens. Sie wecke Aggressivität und schüre Misstrauen und Ängste. Jaschke rief die Christen zu Gelassenheit auf. Es gelte, den Dialog mit den Muslimen fortzusetzen.