20. Oktober 2017

Kirchenvertreter begrüßen Gaucks Verzicht auf Ukraine-Reise

Quelle: idea.de

Der Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine, der aus Bayern stammende Pfarrer Uland Spahlinger. Foto: PR

Der Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine, der aus Bayern stammende Pfarrer Uland Spahlinger. Foto: PR

Odessa/Berlin (idea) – Dass Bundespräsident Joachim Gauck eine Einladung zum Besuch der Ukraine ausgeschlagen hat, findet bei Kirchenvertretern Zustimmung. Das Staatsoberhaupt protestiert damit gegen die Haftbedingungen von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, die wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten in ihrer Amtszeit von 2007 bis 2010 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Mit einem Hungerstreik protestiert sie gegen unzureichende medizinische Betreuung. Außer Timoschenko, die 2004 die gegen Präsident Viktor Janukowitsch gerichtete orangene Revolution angeführt hatte, sind rund ein Dutzend ehemaliger Gefolgsleute Timoschenkos inhaftiert und teilweise ebenfalls erkrankt. Ausländische Beobachter werfen Janukowitsch Rachejustiz gegenüber seinen politischen Gegnern vor. Der Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine, der aus Bayern stammende Pfarrer Uland Spahlinger (Odessa), sieht in Gaucks Entscheidung ein Signal dafür, dass Deutschland nicht bereit ist, Menschenrechtsverletzungen auf Dauer hinzunehmen. „Wenn es den Anschein hat, dass diplomatische Gespräche zu keinen Ergebnissen führen, muss ein deutlicheres Zeichen gesetzt werden“, sagte Spahlinger gegenüber idea. Timoschenko und ihre Parteifreunde hätten Anspruch auf einen fairen, rechtsstaatlichen Prozess. Forderungen an die deutsche Fußballnationalmannschaft, die Europameisterschaft (EM) in der Ukraine zu boykottieren, hält Spahlinger für unrealistisch. Die EM werde auf jeden Fall stattfinden. „Wer sich monatelang darauf vorbereitet hat, soll auch spielen.“ Allerdings dürften die Verantwortlichen „nicht so tun, als ob Sport und Politik nichts miteinander zu tun haben“. Gerade in Charkow, wo die deutsche Elf am 13. Juni ein Vorrundenspiel gegen die Niederlande austragen wird, bestünden gute Möglichkeiten, sich über die Verhältnisse in der Ukraine zu informieren und mit Einheimischen darüber zu diskutieren. Dort ist Timoschenko in Haft.

Baptistische Parlamentarier bitten um Unterstützung

Auch die Europäische Baptistische Förderation unterstützt die Bemühungen um eine menschenwürdige Behandlung Timoschenkos. Mehrere ukrainische Parlamentarier, die Mitglieder von baptistischen Gemeinden sind, hätten um internationale Solidarität gebeten, berichtete der Präsident der Föderation, der Deutsche Hans Guderian (Berlin). Seine Organisation beteilige sich an den Bemühungen der Bundesrepublik, Timoschenko im Berliner Universitätskrankenhaus Charité behandeln zu lassen. Gaucks Reiseverzicht nannte Guderian „ein unübersehbares Zeichen für seinen Einsatz für Freiheit und Demokratie“. Während der Fußball-EM sollten alle Kontakte zu Einheimischen genutzt werden, um für die uneingeschränkte Geltung der Menschenrechte zu werben. Von den 45 Millionen Ukrainern gehören etwa 75 Prozent der orthodoxen Kirche an. Mit knapp 131.000 Mitgliedern bilden die Baptisten die größte evangelische Gemeinschaft. Die deutsche lutherische Kirche besteht aus 30 Gemeinden mit etwa 3.000 Mitgliedern.