23. Oktober 2017

Ostern: Die größte Geschichte aller Zeiten

Quelle: idea.de

Foto: selbst/pixelio.de

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Berlin (idea) – An Ostern feiern Christen die Auferstehung ihres Herrn Jesus Christus. Doch viele Bundesbürger kennen die ursprüngliche Bedeutung des Festes nicht mehr. Für sie ist Ostern vor allem ein Frühlings- und Familienfest. Und der Handel freut sich, dass Ostern immer mehr zum Konsumfest wird. Wie hat die Presse über das Fest berichtet? Eine Auswahl an Kommentaren – zusammengestellt von Karsten Huhn (Berlin).

Die Zeit (Hamburg): „Wer glaubt schon an Auferstehung?“

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ stellt die Frage „Wer glaubt schon an Auferstehung?“: „Viele Christen können mit der zentralen Botschaft der Bibel nichts mehr anfangen. Die Kirchen ignorieren das Problem… Lediglich 40 Prozent der deutschen Katholiken bejahen die Auferstehung, wie sie das Neue Testament verheißt, bei den Protestanten ist es jeder Zweite. Im Korinther-Brief steht geschrieben: ‚Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist auch Euer Glaube vergeblich.’ Stellen sich die Kirchenoberen die Frage, wie sie’s mit den Christen halten, für die des Heilands Auferstehung keine Wahrheit mehr ist? Wagt es einer der Glaubenshüter, ihnen das Christsein abzusprechen? … Unter den evangelischen Theologen ist jede seriöse Debatte um diese wahrhaft ‚letzte Frage’ verstummt. An den Gräbern retten sich die Pastoren, wie ein prominenter Kirchenlehrer dieser Tage sagte, meist in die wolkige Beschwörung einer vagen transzendentalen Hoffnung. Wie ertragen die Kirchen diese amtliche Heuchelei, diese christliche Lebenslüge, ohne Schaden zu nehmen?“

Welt am Sonntag (Berlin): „Priester am Ende ihrer Kräfte“

Die „Welt am Sonntag“ stellt in ihrem Titelthema „Priester am Ende ihrer Kräfte“ dem Stand der katholischen Geistlichen eine erschütternde Diagnose: „Das Verhältnis der Gesellschaft zu dieser Kirche, zu den Priestern, ist ein paradoxes. Ihr Beruf wird wie kaum ein anderer idealisiert. Als Mittler zwischen Gottheit und Menschen haben viele Gläubige eine heilige Vorstellung von ihnen. ‚Nach der landläufigen Annahme müssen Priester mit Problemen leichter umgehen. Weil sie in eine Gemeinde eingebunden sind und ihre Spiritualität ihnen als unerschöpfliche Kraftquelle zur Verfügung steht“, sagt [der Psychotherapeut und Theologe Wunibald] Müller. Das stimmt aber so offenbar nicht … Viele von ihnen sind überarbeitet, weil Gemeinden zusammengelegt wurden. Andere leiden unter spirituellen Zweifeln. Und nicht wenige sehen sich seit den Missbrauchsskandalen dem Generalverdacht ausgesetzt, auch einer derjenigen zu sein, die sich an Minderjährigen vergehen. Manche würden auf der Straße beschimpft oder bespuckt, einfach weil sie als Priester zu erkennen seien, erzählt Müller. Sie fühlten sich als Außenseiter. Dabei haben viele selbst Schwierigkeiten, das zu vertreten, was ihre Kirche lehrt. Mehr und mehr Pfarrer ziehen sich innerlich zurück. Ihnen fällt es schwer, Freundschaften einzugehen, weil sie glauben, dass jede emotionale Beziehung zu einem anderen Menschen dem Zölibat widersprechen könnte. Einige vereinsamen, lenken sich mit Computerspielen, Pornografie oder Alkohol ab. Und dann gibt es jene Priester, die sich nicht entscheiden können zwischen ihrem Amt und einer Frau. Undenkbar, über all diese Probleme mit dem Pfarrgemeinderat offen zu reden. Unmöglich, sich damit einem Bischof anzuvertrauen.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Der Konsens über christliche Feiertage schwindet

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sieht den Konsens über christliche Feiertage schwinden: „Auferstehung im Frühling, Fülle des Geistes wie der Natur zu Pfingsten, Dank für die Ernte im frühen Herbst, Tod und Trauer im November und dann wieder Neugeburt und neues Licht in den dunklen Weihnachtstagen. Das Kirchenjahr flicht die Grundfragen der menschlichen Existenz in den Wechsel der Jahreszeiten ein, so dass im Laufe eines Jahres jede Lebensfrage einmal aufgerufen wird… Die Misstöne in diesem Gefüge werden allerdings lauter. Der Konsens schwindet oder verschiebt sich: Aus immer weniger Christi Himmelfahrt wird immer mehr Vatertag, und orangefarbene Kürbisse verleiben sich Stück für Stück den unter chronischer Kultschwäche leidenden Reformationstag ein… Die Proteste gegen das Verbot öffentlicher Tanzveranstaltungen an Karfreitag, die 2011 in Frankfurt begannen, dürften nur die Vorboten größerer Konflikte sein.“

Stuttgarter Zeitung: Wann beginnt Ostern?

„Wie heißt der Tag nun eigentlich: Karsamstag oder Ostersamstag? Wem der religiöse Hintergrund dieser Festzeit wichtig ist, wird großen Wert darauf legen: Am Karsamstag sind wir noch in der Kar- und keineswegs schon in der Osterwoche. Für manche mag das wie Wortklauberei klingen, aber aus christlicher Sicht geht es just an dieser Stelle ums große Ganze. Denn wenn zu entscheiden wäre, was das Christentum im Konzert der Weltreligionen originär auszeichnet, dann ist es gar nicht so sehr die an Weihnachten gefeierte Geburt des Gottessohnes. Sondern es ist im Kern dessen Leidensweg und Selbstopferung ‚für die Sünden der Welt’, also seine Passion – um dann im Bruch mit jeder bisherigen Weltordnung doch über den Tod zu triumphieren und aufzuerstehen. Und wann hat dieser Triumph über das scheinbar unumstößliche Nichts stattgefunden? Eben: ‚Am dritten Tag’. Früher als frühestens in der Nacht zu Ostersonntag ist die christliche Osterfreude nicht zu haben.“

Stern (Hamburg): „Gott im Pott“

Der „Stern“ schreibt über die zunehmende Vielfalt der Religionen im Ruhrpott: „Mit dem Einfluss der beiden Großkirchen schwindet zum Glück auch die alte Feindschaft zwischen Evangelischen und Katholiken im Pott. Es scheint allerdings, dass die verblassten Feindbilder durch ein gemeinsames Neues ersetzt werden: den Muslim. 30 Prozent der nordrhein-westfälischen Protestanten lehnen nach einer Untersuchung der Bochumer Ruhr-Universität den Bau von Moscheen ab.“

Bild am Sonntag (Berlin): Was allein der Glaube bietet

„Frühling ist da! Diese Nachricht überbrachte mir ein Chor nicht etwa beim Liederabend eines Schützenvereins, auch nicht bei Carmen Nebels Volksmelodien; ich hörte den Gesang letzte Woche in einem Gottesdienst. Aber brauche ich für eine solche Allerwelts-Osterbotschaft eine christliche Kirche? … Christen und Kirche müssen wieder ihre wahre Ware ins Schaufenster legen, die Botschaft, die sie konkurrenzlos wichtig macht. Viele andere Themen können auch das Rote Kreuz, Parteien oder Gewerkschaften bedienen, doch dass es Hoffnung über den Tod hinaus gibt und so etwas wie „Freude in allem Leide“ möglich ist, bietet allein der Glaube. Davon will ich etwas hören, wenn ich eine Kirche betrete. Seid-nett-zueinander-Appelle finde ich besser im Internet, und dass Frühling da ist, signalisiert mir bald der Blick aus dem Fenster.“

Neue Zürcher Zeitung: Glaube braucht keine Beweise

„Gegen Ende seines langen Lebens wurde der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell gefragt, wie er denn, falls er sich nach seinem Tode wider Erwarten vor dem Throne Gottes wiederfinden sollte, auf des Höchsten Frage reagieren würde, warum er nicht an ihn geglaubt habe. Er, so Russell, würde sagen: „Nicht genug Beweise, Gott, nicht genug Beweise.“ An solcher Evidenz fehlt es nicht nur berufsmäßigen Zweiflern, sondern bisweilen auch Anhängern eines Gottesglaubens. Auch davon geben die Evangelien Zeugnis… Der Glaube bleibt – zumal in reformatorischer Perspektive, die zwischen unerreichbarer Sicherheit und ‚geschenkter’ Glaubensgewissheit zu unterscheiden weiß – ein Wagnis. Das besagen auch die Worte, die der johanneische Jesus, nachdem der Ungläubige den Glauben wiedergefunden hat, an Thomas richtet: ‚Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und doch glauben!’ Die nicht mehr sehen und doch glauben – die Nachgeborenen – glauben aufs Wort; sie suchen keine Evidenz, keine Beweise.“

Tagesspiegel (Berlin): Ostern und die Forschung

„Jesus endete am Kreuz. Das ist kein Geheimnis, im römischen Reich wurde ganz offen getötet. Doch nicht die Kreuzigung hat eine Weltreligion begründet, sondern das, was danach im Verborgenen geschah, in der Dunkelheit des Grabes. Keiner hat gesehen, wie sich Jesus aus der Todesstarre löste. Die Auferstehung war ein vollkommen intransparenter Vorgang. Und doch entfachte gerade der Glaube an einen so unwahrscheinlichen, rätselhaften Vorgang eine ungeheure Kraft. Hätten sich die Christen mit dem Tod ihres Anführers abgefunden, sie wären eine kleine Sekte geblieben. Nicht das Offensichtliche, sondern der Glaube an ein Mysterium hat aus ihrer Niederlage einen Sieg gemacht; erst die Hoffnung hat ihre Schwäche in Stärke verwandelt… Erst durch den Glauben daran, dass die Welt mehr ist als das Sichtbare, entsteht etwas Neues. Wäre Fortschritt möglich, wenn Menschen nicht träumen und experimentieren würden und nicht überzeugt wären, dass alles ganz anders sein könnte? Das Vertrauen darauf, dass Unmögliches vielleicht doch möglich ist, setzt unglaubliche Energien frei, die Forschung, die Universitäten wären undenkbar ohne diesen Antrieb.“

Focus (München): „Ein Einzelner besiegt ein Weltreich“

„Ein gekreuzigter Gott – für den antiken Menschen war diese Vorstellung eine Absurdität. Obendrein handelte es sich bei dem Gekreuzigten um einen Juden, und die Juden galten den Römern wegen ihrer religiösen Exklusivitätsvorstellungen als besonders verächtliche oder zumindest verrückte Völkerschaft unter den ohnehin ‚verächtlichen’ Barbaren. Die Idee, einen der schmählichsten Todesstrafe überantworteten Juden anzubeten, für den Juden Zeugnis ablegen und dessen Evangelium vor allem von Juden verbreitet wurde, war für einen Römer es ersten Jahrhunderts eine Zumutung unvorstellbaren Ausmaßes. Und doch wurde der Kult um diesen Mann 300 Jahre später römische Staatsreligion. Und doch fegte der eine, durch seinen Sohn auf Erden bezeugte Gott, den bunten antiken Götterhimmel leer. Ein Einzelner besiegte nach seinem Tod ein Weltreich! Vom „sonderbarsten Ereignis, dass sich jemals zugetragen hat“, sprach der französische Aufklärer Montesquieu… ‚Die größte Geschichte aller Zeiten’ hieß ein Hollywood-Film über den Heiland aus dem Jahr 1965. Genau so verhält es sich.“