22. November 2017

Bundespräsident: Dem Ungeist von Fanatikern wehren

Quelle: idea.de

Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

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Berlin (idea) – In seiner ersten Grundsatzrede hat Bundespräsident Joachim Gauck ein Plädoyer für Freiheit und Demokratie gehalten. Zugleich rief er dazu auf, ihren Feinden Einhalt zu gebieten. „Anders als die Demokratie von Weimar verfügt unser Land über genügend Demokraten, die dem Ungeist von Fanatikern, Terroristen und Mordgesellen wehren“, erklärte das neue Staatsoberhaupt nach seiner Vereidigung am 23. März im Deutschen Bundestag. Den rechtsextremen Verächtern der Demokratie sage man in aller Deutlichkeit: „Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich.“

Auch jenen, die unter dem Deckmantel der Religion Fanatismus und Terror ins Land trügen und hinter die europäische Aufklärung zurückfielen, werde man Einhalt gebieten: „Ihnen sagen wir: Die Völker ziehen in die Richtung der Freiheit. Ihr werdet ihren Zug vielleicht behindern, aber endgültig aufhalten könnt ihr ihn nicht.“

Islam ist neben christliche Tradition gerückt

Gauck kündigte an, sich ebenso wie sein Vorgänger Christian Wulff für eine einladende, offene Gesellschaft einzusetzen. In Deutschland seien „neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten, auch andere Sprachen, andere Traditionen“. Der evangelische Theologe zeigte sich erfreut, dass die Mehrheit der Deutschen den europäischen Gedanken bejaht: „Europa war für meine Generation Verheißung – aufbauend auf der abendländischen Tradition, dem antiken Erbe, einer gemeinsamen Rechtsordnung, dem christlichen und jüdischen Erbe.“ Für die Enkel sei Europa längst Lebenswirklichkeit – mit grenzüberschreitender Freiheit und den Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft. Gauck bezeichnete die repräsentative Demokratie als „das einzig geeignete System“, Gruppen- und Gemeinwohlinteressen auszugleichen. Er empfinde Deutschland als „das Land eines Demokratiewunders“.

Dank an 68er-Generation

Gauck würdigte den Beitrag der 68er-Generation zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Trotz aller Irrwege, die mit dem Aufbegehren dieser Bewegung verbunden gewesen sei, habe sie die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt. Zugleich erinnerte er an die Friedliche Revolution 1989 in der DDR: „Wir wurden das Volk, und wir wurden ein Volk.“ Auch jener Teil der Geschichte dürfe nicht vergessen werden, „der die Neugründung einer politischen Kultur der Freiheit, die gelebte Verantwortung, die Friedensfähigkeit und die Solidarität unseres Volkes umfasst“. Nach Gaucks Worten ist Freiheit eine notwendige Bedingung von Gerechtigkeit. In diesem Zusammenhang mahnte er: „Wir dürfen nicht dulden, dass Kinder ihre Talente nicht entfalten können, weil keine Chancengleichheit existiert. Wir dürfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, Leistung lohne sich für sie nicht mehr, und der Aufstieg sei ihnen selbst dann verwehrt, wenn sie sich nach Kräften bemühen. Wir dürfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, sie seien nicht Teil der Gesellschaft, weil sie arm, alt und behindert sind.“

„Gott und den Menschen sei Dank“

Am Ende seiner Rede warb Gauck um Vertrauen zu denen, die in Deutschland Verantwortung tragen. Zugleich bat er die Bürger, „mutig und immer wieder damit zu beginnen, Vertrauen in sich selbst zu setzen“. Nur ein Mensch mit Selbstvertrauen könne Fortschritte machen, zitierte der Bundespräsident den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi (1869-1948). Er schloss mit den Worten: „Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld und Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, das haben wir gezeigt. Gott und den Menschen sei Dank. Dieses Erbe dürfen sie erwarten.“