20. August 2017

Wie gehen Ärzte mit ihren Fehlern um?

Quelle: idea.de

Das Bild zeigt v.l.: Dr. Christian Schäfer (Langenthal), Prof. Dr. Inge Scharrer (Mainz), Privatdozent Dr. Raoul Breitkreutz (Homburg/Saar), Pfarrer Gernot Spies (Marburg). Foto: PR

Das Bild zeigt v.l.: Dr. Christian Schäfer (Langenthal), Prof. Dr. Inge Scharrer (Mainz), Privatdozent Dr. Raoul Breitkreutz (Homburg/Saar), Pfarrer Gernot Spies (Marburg). Foto: PR

Rehe (idea) – Ärzte sind keine „Halbgötter in Weiß“: Sie machen Fehler wie andere Menschen, bisweilen sogar mit tragischem Ausgang. Wegen der Folgen wird zunehmend prozessiert, und die öffentliche Debatte wird schärfer. Der Bundestag diskutiert ein Patientenrechtegesetz, und um Opfern schwerer „Kunstfehler“ schneller und unbürokratischer zu helfen, schlägt der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Johannes Singhammer (CSU), einen Entschädigungsfonds vor.

Doch die Frage bleibt, wie Ärzte selbst mit ihren Fehlern umgehen – im beruflichen Umfeld, gegenüber Patienten und vor sich selbst. Damit beschäftigte sich die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Mediziner (ACM) in einer Tagung vom 10. bis 12. Februar in Rehe (Westerwald). Die ACM ist eine rund 350 Mitglieder zählende Fachgruppe der Akademiker-SMD (Studentenmission in Deutschland). Wie es auf der Konferenz mit 240 Teilnehmern hieß, sei der Umgang mit Behandlungsfehlern in Praxen, Kliniken und Krankenhäusern schon längst kein Tabu mehr. Patienten und ihre Angehörigen seien bei Schäden immer öfter darauf aus, finanzielle Ansprüche einzuklagen.

Über 2.000 Behandlungsfehler – bei 480 Millionen Arztbesuchen

Jüngsten Zahlen der Bundesärztekammer zufolge haben sich die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen im Jahr 2010 mit 7.355 Anträgen zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern befasst. In 2.199 Fällen lag ein Behandlungsfehler oder mangelnde Aufklärung über Risiken vor. 72 Prozent davon traten bei stationärem Aufenthalt in Kliniken oder Krankenhäusern auf. In 1.821 Fällen hatten Patienten Anspruch auf Entschädigung. Die Fehlerquote ist winzig angesichts der rund 480 Millionen Arztbesuche und 18 Millionen Klinikaufenthalte pro Jahr in Deutschland.

Reicht Bedauern aus?

Die Teilnehmer der ACM-Tagung sprachen sich grundsätzlich dafür aus, dass Ärzte ihre Fehler und Versäumnisse ehrlich eingestehen. Dies entlaste das Gewissen und sei für Christen auch aus geistlichen Gründen vonnöten. Aber wie könne das beispielsweise gegenüber Patienten geschehen, wenn Haftpflichtversicherungen jedes Schuldeingeständnis ablehnen? Auf jeden Fall sollten die Mediziner ihr „Bedauern“ über Behandlungsfehler zum Ausdruck bringen, hieß es. Für die Möglichkeit, auch ausdrücklich um Entschuldigung bitten zu können, plädierte Privatdozent Raoul Breitkreutz, Anästhesist, Internist und Intensivmediziner an der Uniklinik Homburg (Saar). Behandlungsfehler – auch jene mit schweren Folgen – dürften nicht tabuisiert werden. Haftpflichtversicherungen seien dazu da, Schäden zu regulieren, sagte er im Blick auf den Hinweis von Tagungsteilnehmern, dass es klagenden Angehörigen oft vorrangig um Geld gehe.

Berichtswesen über ärztliche Fehler

Über die Einführung eines Berichtswesens zu Behandlungsfehlern berichtete Christian Schäfer, Ärztlicher Leiter der Schweizer Fachklinik für Psychiatrie und Psychosomatik SGM Langenthal. Er hat das sogenannte „Critical Incidence Reporting“ (Berichten kritischer Ereignisse) an zwei Häusern erprobt. Wie er sagte, müsse allen Beteiligten klar sein, dass es nicht um Schuldzuweisungen gehe, sondern darum, Fehler künftig zu vermeiden. Fehlleistungen träten bei jeder Tätigkeit von Menschen auf. Man müsse sie auch klar von vorsätzlichem oder fahrlässigem Handeln unterscheiden. Wichtig sei vor allem, dass Vorgesetzte hinter einem solchen Berichtssystem stünden.

Ärzte brauchen Seelsorger

Christen seien zur Barmherzigkeit verpflichtet, betonte Prof. Inge Scharrer (Mainz). Die Medizinerin ist häufig auch als Gutachterin bei Streitfällen vor Gericht tätig. Dabei gelte es freilich, allein die Fakten zu bewerten. Zur geistlichen und seelischen Aufarbeitung von Fehlern riet sie christlichen Medizinern, eine seelsorgerliche Vertrauensperson zu haben, mit der sie offen sprechen könnten. Das sollte nicht unbedingt der Ehegatte, sondern eher ein medizinisch versierter Partner sein.

Keine Heiligen ohne Makel

Vor Perfektionismus, der krankhaft werden könne, warnte der Generalsekretär der SMD, Pfarrer Gernot Spies (Marburg). Er verwies darauf, dass die Bibel „keine Heiligen ohne Makel“ kenne und nannte als Beispiele unter anderem Abraham und König David. Trotz ihrer Fehltritte schreibe Gott dennoch seine Geschichte mit diesen Menschen. Zudem sei es eine befreiende Erkenntnis, dass Jesus das menschliche Versagen kenne und es trage. Daher könnten auch Ärzte ehrlich und barmherzig mit Fehlern umgehen.