18. August 2017

Syrien: Christen in tödlicher Zwickmühle

Quelle: idea.de

Damaskus Foto: Paul Sippel/pixelio.de

Damaskus Foto: Paul Sippel/pixelio.de

Damaskus (idea) – Die Lage in Syrien wird immer verzweifelter – auch für die christliche Minderheit. Sie gerät zwischen die Fronten von Opposition und dem Assad-Regime. Zusätzlich droht ihr Gefahr von islamischen Extremisten. Seit Beginn der Aufstände gegen das sozialistische Regime von Präsident Baschar al Assad vor elf Monaten sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 6.000 Menschen getötet worden. Am 13. Februar befasst sich die UN-Vollversammlung in New York mit der Situation in dem Land.

Einen Blauhelm-Einsatz, den die Arabische Liga vorschlägt, lehnt die Regierung in Damaskus als „feindlichen Akt“ ab. Unterdessen bombardiert sie weiter etwa die Oppositionshochburg Homs. Doch sollen schon mehr als 40.000 Soldaten die Seiten gewechselt und sich der Freien Syrischen Armee angeschlossen haben. Neben ihr bekämpfen zwei Bündnisse – der Syrische Nationalrat und das Nationale Koordinationskomitee – das seit 1963 regierende Baath-Regime. Die Opposition ist muslimisch geprägt und wird beispielsweise vom Iran unterstützt.

Alle Bundestagsfraktionen außer der Linken verurteilen „Menschenrechtsverbrechen“

Ein sofortiges Ende der Gewalt fordert der Bundestagsausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilen alle Fraktionen außer der Linken „die schweren Menschenrechtsverbrechen an der syrischen Bevölkerung“. Dazu zählten systematische Gewalt gegen Zivilpersonen, willkürliche Hinrichtungen, Tötung und Verfolgung von Protestierenden und Angehörigen der Medien, willkürliche Inhaftierungen, Verschwindenlassen, die Behinderung des Zugangs zu medizinischer Behandlung sowie Folter, sexuelle Gewalt und Misshandlungen auch an Kindern. Der Ausschuss sehe die Art und das Ausmaß der Gewalt des Assad-Regimes gegen das syrische Volk mit Entsetzen und Abscheu.

Über 100 Christen getötet

Die syrischen Christen sind in einer Zwickmühle gefangen. Einerseits wünschen auch sie demokratische Reformen; andererseits genossen sie relative Sicherheit unter dem seit 1963 herrschenden Assad-Regime. Ferner fürchten sie, dass ihre Lage wie in anderen Ländern des Arabischen Frühlings noch schwieriger werden könnte, wenn islamische Extremisten mehr Macht bekommen. Von den 22,5 Millionen Einwohnern Syriens sind 90 Prozent Muslime und 6,3 Prozent Christen; davon sind jeweils drei Prozent Katholiken und Orthodoxe plus kleine Gruppen von Protestanten. Die übrige Bevölkerung besteht aus Nichtreligiösen oder Anhängern anderer Religionen. Mehr als 100 Christen seien schon seit Beginn des Aufstands im März 2011 getötet worden, heißt es in einem Gebetsbrief der Kommission für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz. Ryan Mauro, Sicherheitsberater der US-Organisation Christian Action Network (Forest/Bundesstaat Virginia), beschreibt das Dilemma der syrischen Christen so: Moralisch fühlten sie sich verpflichtet, die Opposition zu unterstützen, aber wenn Assad stürze, könnten sie ins Visier islamischer Extremisten geraten und – ähnlich wie im Irak – vertrieben werden. Wenn sie sich aber auf die Seite Assads schlügen, machten sie sich zum Ziel von Racheakten. Deshalb hüllten sich die Christen in Syrien meist in Schweigen. Der in Beirut (Libanon) lebende Patriarch der Syrisch-Katholischen Kirche, Ignatius Joseph III., hat die USA und die EU wegen ihrer Unterstützung der Aufständischen scharf kritisiert. Sie setzten das Leben von Christen aufs Spiel.

Exodus von Christen aus Ländern des Arabischen Frühlings

Justin Maier von der Menschenrechtsorganisation International Christian Concern (Washington) schätzt die Situation syrischer Christen ebenfalls als schwierig ein. Viele wollten einen säkularen Staat; aber manche zögen eine Reform des Assad-Regimes einer neuen gewählten Regierung vor, weil radikale muslimische Kräfte die empfindliche religiöse Balance aus dem Lot bringen könnten. Mit großer Sorge um ihr eigenes künftiges Schicksal beobachteten die Christen ferner den „Exodus“ ihrer Glaubensgeschwister aus Ländern des „Arabischen Frühlings“. Der Direktor des christlichen Hilfswerks Barnabas Fund, Patrick Sookhdeo (Pewsey/Südwestengland), hat Syrien Ende 2011 besucht. Dabei hätten ihm christliche Gemeindeleiter mitgeteilt, dass sie von Assad-Gegnern oft als Unterstützer des Regimes wahrgenommen würden, weil sie von diesem bisher relativ gut behandelt worden seien. Islamische Extremisten, die unter anderem aus Saudi-Arabien unterstützt würden, erhöhten die Gefahr für die syrischen Christen.