22. Mai 2018

Israel: Proteste gegen Übergriffe Ultraorthodoxer

Quelle: idea.de

Hebräische Thorarolle - Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Hebräische Thorarolle - Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Jerusalem (idea) – In Israel wird die Kluft zwischen ultraorthodoxen und säkularen Juden tiefer. Am 27. Dezember demonstrierten mehrere tausend Menschen gegen Übergriffe Ultraorthodoxer auf säkulare Bürger. „Wir wollen kein Teheran werden“, hieß es unter anderem auf Plakaten der Demonstranten in Beit Schemesch (bei Jerusalem).

Auslöser für die Demonstration war der Fall eines achtjährigen Mädchens, das auf dem Schulweg von ultraorthodoxen Männern angespuckt worden war, weil es angeblich nicht züchtig genug gekleidet war. Israels Präsident Schimon Peres hatte eindringlich zur Teilnahme an dem Protest aufgerufen: „Wir kämpfen für das Herz der Nation und um den Kern des Staates.“ Niemand habe das Recht, „ein Mädchen zu bedrohen oder eine Frau oder irgendjemanden auf welche Weise auch immer“. Die Strenggläubigen seien „nicht die Herren des Landes“, so Peres. Auch die sozialdemokratische Oppositionsführerin Zipi Livni kritisierte die Übergriffe. „Wir kämpfen um den Charakter des israelischen Staates nicht nur in Beit Schemesch und nicht nur wegen der Ausgrenzung von Frauen“, erklärte sie. Die Spannungen zwischen religiösen und säkularen Juden hatten sich in den vergangenen Wochen verschärft. Rund zehn Prozent der knapp acht Millionen Israelis sind ultraorthodoxe Juden; Tendenz steigend. Sie vertreten eine besonders strenge Auslegung religiöser Vorschriften und treten zunehmend gewaltsam dafür ein. So gibt es inzwischen in einigen Buslinien in religiösen Vierteln getrennte Sitzplätze für Männer und Frauen. In Jerusalem haben Rabbiner zudem verlangt, Plakate mit Fotos von Frauen abzuhängen und keine Frauen in religiösen Läden zu beschäftigen. In Beit Schemesch haben die Strenggläubigen durchgesetzt, dass Frauen auf Schildern aufgefordert werden, ihre Viertel zu meiden. Als Polizisten eines der Schilder abmontieren wollten, wurden sie von Orthodoxen angegriffen. In der Stadt 30 Kilometer vor Jerusalem leben viele strenggläubige Einwanderer.

Propst: In der Vergangenheit wurden auch Christen bespuckt

Wie der Propst der deutschen Erlösergemeinde in Jerusalem, Uwe Gräbe, auf Anfrage von idea sagte, zeigten die Vorfälle, wie sensibel das gesellschaftliche Miteinander in Israel ist. Zwar seien die ultraorthodoxen Juden nach wie vor deutlich in der Minderheit. Allerdings nehme ihr Einfluss nicht zuletzt wegen der hohen Geburtenrate zu. In der Vergangenheit seien auch Christen immer wieder Opfer der so genannten „Spuck-Attacken“ Ultraorthodoxer geworden. Er selbst sei bereits mehrfach angespuckt worden, weil er ein Kreuz am Revers trug, sagte Gräbe. Seit ein Rabbiner vor zwei Jahren jedoch geurteilt habe, dass Angehörige anderer Religionen nicht bespuckt werden dürfen, sei die Zahl dieser Vorfälle deutlich zurück gegangen, so der höchste Repräsentant der EKD im Heiligen Land. Bei den jüngsten Auseinandersetzungen handle es sich um einen innerjüdischen Konflikt, der gegenwärtig nur punktuell aufbreche. Allerdings werde jetzt viel davon abhängen, wie der Staat die Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen und säkularen Juden löst.