19. Januar 2018

Arabische Welt: Wo Christen nach der Bibel verlangen

Quelle: idea.de

Stuttgart (idea) – Die Wiege der Christenheit steht im Nahen Osten: Die ersten christlichen Gemeinden entstanden unter anderem im heutigen Syrien, Libanon, Jordanien, Irak, Ägypten und den Golfstaaten. Heute bilden die Christen in diesen muslimisch geprägten Ländern kleine Minderheiten.

Noch am Ende des 19. Jahrhunderts waren schätzungsweise 25 Prozent der Bevölkerung im Nahen Osten Christen. Inzwischen sind es weniger als fünf Prozent, und ihr Anteil sinkt weiter – unter anderem wegen der Bedrängung durch muslimische Extremisten. Vielen Christen fehlt der Zugang zu den zentralen Glaubenstexten der Bibel. Die Bibelgesellschaften im arabischen Raum versuchen, diesem Mangel abzuhelfen – unter anderem durch Verkauf und Verbreitung des „Buchs der Bücher“, durch moderne Übersetzungen der Heiligen Schrift oder durch Hörbibeln wegen der hohen Zahl von Analphabeten.

Christentum ist kein Fremdkörper

Bibelgesellschaften bestehen im Libanon, in Syrien, Jordanien, dem Irak, Ägypten und den Golfstaaten. Über ihre Arbeit berichtet die Deutsche Bibelgesellschaft (Stuttgart) in der Zeitschrift „Bibelreport“. Wie Generalsekretär Klaus Sturm schreibt, ist das Christentum im Nahen Osten kein Fremdkörper, sondern tief beheimatet und verwurzelt. Zu den ältesten Kirchen zählen die altorientalischen und griechisch-orthodoxen. Mit ungefähr zehn Millionen Mitgliedern ist die Koptische Orthodoxe Kirche die größte der Region. Der Armenisch-Orthodoxen Kirche gehören etwa 1,5 Millionen Christen an und der Syrisch-Orthodoxen etwa 700.000. Die griechisch-orthodoxen Kirchen haben vier eigenständige Patriarchensitze: Antiochia (1,5 Millionen Kirchenmitglieder), Jerusalem (150.000), Alexandria (300.000) und Konstantinopel (3.000). Hinzu kommen katholische und sonstige Ostkirchen: die Maronitische Katholische Kirche (1 Million), die Lateinische Kirche (90.000), die Koptische Katholische Kirche (160.000), die Armenische Katholische Kirche (540.000), die Syrische Katholische Kirche (150.000), die Melkitische Katholische Kirche (1,3 Millionen) und die Chaldäische Kirche (500.000). Daneben bestehen kleinere evangelische Kirchen und evangelikale Gemeinden in den einzelnen Staaten.

Syrien: Wo Saulus zum Paulus wurde

Zu den Ursprungsländern des Christentums zählt Syrien. In Damaskus erlebte Saulus seine Bekehrung zum Paulus, doch gab es dort schon vorher eine christliche Gemeinde. Heute unterhält die Syrische Bibelgesellschaft Buchläden in den größeren Städten des Landes und ein Bibelzentrum in einen Stadtteil von Damaskus. Dort soll ein Begegnungszentrum entstehen, wo sich Bibelkreise treffen, Seminare zur Bibel durchgeführt werden sowie Kinder und Jugendliche mehr über die Heilige Schrift erfahren können. Von den 22,5 Millionen Einwohnern Syriens sind etwa 90 Prozent Muslime und zehn Prozent Christen.

Ägypten: Die Bibel wie eine Pizza bestellen

Auch Ägypten ist ein „biblisches“ Land. Dort lebte das Volk Israel lange Zeit und wurde durch Mose aus der Sklaverei geführt. Nach der Geburt Jesu mussten Maria und Josef vor dem Kindermörder Herodes in das Land am Nil fliehen. Heute sind von den 82 Millionen Einwohnern Ägyptens 90 Prozent Muslime und zehn Prozent Christen; die meisten gehören der koptisch-orthodoxen Kirche an. Die Bibelgesellschaft in Kairo versteht sich als Dienstleister für die Kirchen. Sie verlegt die Bibel in arabischer Sprache und hält Material für Kindergottesdienste und Bibeltage bereit. Ferner ist sie mit Leselernprogrammen aktiv, denn die Mehrheit der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben. Der Anteil der Analphabeten beträgt 60 Prozent. Oft belegen Frauen die Kurse, um die Bibel selbständig studieren zu können. Jedes Jahr absolvieren mehr als 5.000 Personen die Leseförderschulungen der Ägyptischen Bibelgesellschaft. Außerdem kann man in dem Land Bibeln wie eine Pizza bei einem Zustelldienst bestellen. 15 bis 30 Minuten nach dem Anruf bei einer kostenlosen Telefonnummer bringt ein Bote auf einem Moped die Heilige Schrift ins Haus.

„Die Welt der Bibel“ in Beirut

In Beirut, der Hauptstadt des Libanons, gibt es im Haus der Bibelgesellschaft das Erlebniszentrum „Die Welt der Bibel“. Dort können vor allem Schulklassen und christliche Jugendgruppen mehr über Jesus und die Bibel erfahren. Außerdem werden im Bibelhaus Programme des christlichen Fernsehsenders Sat-7 produziert, die im Nahen Osten und Nordafrika über Satellit zu empfangen sind. Von den vier Millionen Einwohnern des Landes sind 60 Prozent Muslime und 39 Prozent Christen; der Rest gehört anderen Religionen an.

Golfstaaten: Bibel schenkt Trost und Geborgenheit

In den Golfstaaten gibt es Bibelzentren in Kuwait, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Oman. In Saudi-Arabien ist dies nicht möglich; in das streng islamische Land dürfen keine Bibeln eingeführt werden. Die Bibelzentren befinden sich oft in Kirchen oder Buchläden. In den Golfstaaten leben etwa 2,3 Millionen Christen. Die meisten sind Fremdarbeiter, etwa aus Indien, Sri Lanka oder Bangladesch. Sie leben nach Angaben der Deutschen Bibelgesellschaft oft in Baracken unter menschenunwürdigen Bedingungen. Acht bis 15 Personen müssten sich einen Raum und eine Toilette teilen. Mehr als 50 Prozent von ihnen seien Analphabeten. Mitarbeiter der Bibelgesellschaften besuchten die Menschen, verteilten Hörbibeln und hielten Bibelstunden. Die christliche Botschaft schenke den Menschen Trost und Geborgenheit in der Fremde. In Kuwait engagiert sich die Bibelgesellschaft unter anderem für Kinder. Mitte September wurden in einer evangelischen Kirche arabische Kinderbibeln an über 100 Mädchen und Jungen verteilt. Im kommenden Jahr sollen es 2.000 werden. Außerdem will die Bibelgesellschaft das Angebot von Abspielgeräten erweitern, mit denen man Bibeltexte mit Erklärungen hören kann.