23. Oktober 2017

Russlanddeutsche Christen wieder Opfer von Anlagebetrug?

Quelle: idea.de

Bei den dubiose Grundstücksgeschäfte in Paraguay investieren Anleger 45 Millionen Euro. Foto: PR

Bei den dubiose Grundstücksgeschäfte in Paraguay investieren Anleger 45 Millionen Euro. Foto: PR

Kalletal (idea) – Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres verlieren russlanddeutsche Christen voraussichtlich viel Geld bei einer vermeintlich sicheren Kapitalanlage: Die Neufeld GmbH (Kalletal bei Lemgo) bot Grundstücke in einer „Kolonie Neufeld“ in Paraguay zum Kauf an.

Ihren vermeintlichen Landbesitz sollten die Käufer an eine Genossenschaft abtreten, die dort mit dem Anbau von Macadamia-Nüssen Geschäfte machen wollte. Geschäftsführer Nikolai Neufeld versprach eine jährliche Rendite von 12 Prozent und mehr. Etwa 1.600 private Anleger – darunter viele russlanddeutsche Christen – gingen auf sein Angebot ein und zahlten rund 45 Millionen Euro. Über die Neufeld GmbH wurde Anfang November das Insolvenzverfahren eröffnet. Der Geschäftsführer befindet sich in Untersuchungshaft. Er wird verdächtigt, erwerbsmäßig betrogen zu haben, sagte der Bielefelder Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann gegenüber idea. Nach Auskunft des Insolvenzverwalters der Neufeld GmbH, Rechtsanwalt Raimund Schafmeister (Detmold), gehörten die Grundstücke in Paraguay nicht dem Unternehmen, sondern Neufeld persönlich. „Die Urkunden, die Käufer unterschrieben, waren das Papier nicht wert, auf dem sie stehen“, so Schafmeister gegenüber idea. Die deutschen Käufer seien in Paraguay nicht als Grundstückseigentümer ins Grundbuch eingetragen worden.

Alles verkauft und ausgewandert

Schafmeister: „Das ist ein regelrechtes Schneeballsystem gewesen.“ Aus den Zahlungen neuer Grundstückskäufer seien vorherigen Käufern Renditen ausgezahlt worden. So seien rund 15 Millionen Euro an Käufer zurückgeflossen. Nun bemüht sich der Insolvenzverwalter, den Verbleib des restlichen Geldes aufzuklären. Schafmeister: „Es fehlt definitiv jede Menge Geld.“ Nach Angaben des Paderborner Rechtsanwalts Franz Zacharias, der Geschädigte vertritt, sind Investoren aus ganz Deutschland betroffen. Für manche sei es um eine Investition in ihre Altersversorgung gegangen, einige hätten aber auch ihr Hab und Gut verkauft und seien nach Paraguay ausgereist. Die dortige Staatsanwaltschaft habe inzwischen die Grundstücke beschlagnahmt.

Kneipe statt Kirche gebaut

Wie einer der Geschädigten, Heinrich Löwen (Bielefeld), gegenüber idea sagte, sei etwa jeder zehnte Anleger ein mennonitischer Christ. Von den rund 100 Familien, die nach Paraguay ausreisten, sei es etwa die Hälfte. Jede zweite Familie sei inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt. Am 19. November trafen sich etwa 30 Anleger in Hattingen und diskutierten über die Gründung einer Genossenschaft, in der sie sich zusammenschließen wollen, um doch noch in den Besitz der Grundstücke in Paraguay zu kommen. Löwen zufolge waren nach dem Zweiten Weltkrieg Mennoniten ohne Geld und im Vertrauen auf Gott nach Paraguay ausgereist, und Gott habe sie gesegnet. Die Siedler der Kolonie Neufeld seien 2004 mit viel Geld dorthin gekommen und hätten inzwischen eine Kneipe, aber noch keine Kirche errichtet. Löwen forderte die Teilnehmer der Versammlung auf, Gott und nicht das Geld an die erste Stelle zu setzen. Für die „Kolonie Neufeld“ erwarben die Brüder Johannes und Nikolai Neufeld Landbesitz in einer abgelegenen Gegend im Süden Paraguays, den eine Kooperative bewirtschaften und der bis zu 3.000 russlanddeutschen Umsiedlern eine Heimat bieten sollte. Bereits vor einem Jahr hatten in Deutschland russlanddeutsche Christen voraussichtlich über 10 Millionen Euro verloren, als die von dem Missionar und Geschäftsmann Paul Traxel (Bornheim bei Bonn) gegründete TXL Business Academy Insolvenz anmelden musste. Traxel wollte mit Währungsgeschäften hohe Renditen erzielen und Geld für die Missionsarbeit erwirtschaften. Auch gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren, über eine Anklageerhebung ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Bonn aber noch nicht entschieden.