18. November 2017

Wie soll man dem Kindermangel begegnen?

Quelle: idea.de

Foto: Pixelio / Gerd Altmann

Foto: Pixelio / Gerd Altmann

Wetzlar (idea) – Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts (Wiesbaden) brachten es ans Licht: In Deutschland leben im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die wenigsten Kinder in Europa. Nur jeder sechste Einwohner ist unter 18. Der Anteil der Minderjährigen sank im Westen Deutschlands zwischen 2000 und 2010 um 10 Prozent, im Osten gar um 29 Prozent. Elterngeld, Krippenausbau, Ganztagsschulprogramm, Kindergelderhöhung – all diese Instrumente der Familienpolitik haben nicht zu mehr Geburten geführt. Was sind die Gründe und welche Konsequenzen sollten aus dieser Entwicklung gezogen werden?

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) hat dazu Experten aus Politik und Familienverbänden befragt. Ihr einhelliges Urteil: Mit materiellen Anreizen und mehr Betreuungseinrichtungen allein wird es keine Wende geben. Notwendig ist eine veränderte Einstellung zu Kindern. Für die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), Mechthild Löhr (Glashütten bei Frankfurt am Main), offenbaren die Zahlen das „absolute Scheitern der Familienpolitik“. Familien mit mehreren Kindern seien heute durch hohe Steuerbelastungen, geringe Freibeträge, steigende Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten sowie durch höheren Raumbedarf überproportional belastet: „Der Verzicht auf Kinder ist also ökonomisch völlig rational.“

Allianz: Dramatische Folgen der Kinderlosigkeit

Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), warnt vor den einschneidenden Folgen des Geburtenrückgangs. So werde sich die Dramatik der Entwicklung in wenigen Jahren erst richtig zeigen, wenn etwa die Sozialversicherungen „vollends zusammenbrechen“. Auch die Wirtschaft werde leiden, weil die Inlandsnachfrage wegen fehlender Verbraucher zurückgehe. Außerdem drohe ein Pflegenotstand, weil qualifiziertes Personal fehle. Steeb fordert, die „lebenswichtige Erziehungsarbeit“ von Müttern und Vätern zu vergüten, wenn sie sich vollzeitlich um ihren Nachwuchs kümmern – weit über das Kindergartenalter hinaus: „Familiäre Erziehung muss dem Staat genauso viel wert sein Investitions- und Betriebszuschüsse für außerfamiliäre Kinderbetreuung.“

„Seid fruchtbar und mehret euch!“

Im Blick auf die kirchliche Verkündigung ruft Steeb dazu auf, „endlich wieder davon zu reden, dass Kinder eine Gabe Gottes sind“. Dieser habe dem Menschen den Auftrag gegeben „Seid fruchtbar und mehret euch!“ Außerdem solle die Kirche deutlich machen, dass verantwortlich gelebte Sexualität in die Ehe von Mann und Frau gehöre. Für die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), Mechthild Löhr (Glashütten bei Frankfurt am Main), offenbaren die Zahlen der Statistiker das „absolute Scheitern der Familienpolitik“. Familien mit mehreren Kindern seien heute durch hohe Steuerbelastungen, geringe Freibeträge, steigende Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten sowie durch höheren Raumbedarf überproportional belastet: „Der Verzicht auf Kinder ist also ökonomisch völlig rational.“

Feministinnen bestimmen Frauenbild

Darüber hinaus werde ein Frauenbild vermittelt, dass von Feministinnen und Kinderlosen dominiert sei: „Quer durch alle Parteien besteht das neue Dogma, dass es vor allem die Erwerbsarbeit ist, die das Leben sinnvoll und glücklich macht.“ Dadurch könnten junge Frauen nicht mehr entdecken, wie erfüllend und Sinn gebend Kinder für das eigene Leben seien. Derzeit werde Familienpolitik vor allem an Arbeitspolitik ausgerichtet mit dem Ziel, eine möglichst sofortige Rückkehr junger Mütter an den Arbeitsplatz zu erreichen. Da die Familienpolitik nicht am Wohl der Kinder und Mütter orientiert sei, erhöhe sich nicht die Kinderquote, sondern die Frauenerwerbsquote. Solange die Politik fast ausschließlich auf die „totale staatliche Kinderbetreuung“ als Allheilmittel zur Förderung der Familie setze, werde sich dies auf die Geburtenzahlen nicht positiv auswirken. Frau Löhr verweist ferner auf die Abtreibungsproblematik. Seit 1975 seien über acht Millionen Kinder in Deutschland im Mutterleib getötet worden: „Hier hat sehr wirksam eine Entwertung jedes einzelnen Menschenlebens stattgefunden, die zur wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber Kindern wesentlich beiträgt.“

Mütter finanziell absichern

Was ist zu tun? Um die Absicherung junger Mütter zu stärken, ist es laut Löhr notwendig, dass die Erziehungszeiten wesentlich stärker in der Rentenversicherung angerechnet werden. Darüber hinaus fordert die CDL-Vorsitzende Elterngeld für die ersten drei Lebensjahre des Kindes. Ferner müssten alle staatlichen Maßnahmen auf ihre Familienverträglichkeit hin geprüft werden. Löhr: „Familiengründung und -förderung sind mehr als nur Ökonomie.“ Darum gelte es, daran zu erinnern: „Kinder sind das kostbarste Geschenk in unserem Leben, das wir erhalten können.“

Team.F: Ehe und Familie stärken

Auch die christliche Ehe- und Familieninitiative Team.F (Lüdenscheid) widerspricht der Ansicht, dass die Misere vor allem durch mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder überwunden werden könne. „Diese Argumentation ist mir zu flach“, sagte Siegbert Lehmpfuhl (Rangsdorf bei Berlin) vom Leitungsteam der Organisation. Einen wesentlichen Grund für den Kindermangel sieht er im Individualismus in der Gesellschaft, der den Grundsatz propagiere „Kümmere dich vor allem um dich selber“. Deshalb sei es notwendig, Ehen und Familien zu stärken, denn sie könnten Kindern am besten Geborgenheit, soziale Kompetenz und Orientierung vermitteln. Außerdem müsse man den Menschen deutlich machen: „Wer ein Kind bekommt, trägt damit entscheidend dazu bei, die Zukunft zu gestalten.“ Laut Lehmpfuhl fehlt heute auch der Mut, trotz wirtschaftlich unsicherer Zeiten Ja zum Kind zu sagen: „Viele sind der Meinung, dass zunächst alle Lebensrisiken abgesichert sein müssen.“ Dies sei in früheren Krisenzeiten, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, anders gewesen: „Da herrschte Aufbruchstimmung.“ Lehmpfuhl ist auch Vorsitzender der Initiative „Marriage Week – Woche der Ehepaare“, die jeweils im Februar stattfindet und mit zahlreichen Aktionen zur Stärkung der Ehe beitragen will. In diesem Jahr beteiligten sich daran rund 20.000 Bürger. Lehmpfuhl beklagte, dass die Woche kaum ideelle Unterstützung aus der Politik erhalte. Dies gelte auch für die CDU/CSU.

Weißes Kreuz: Was Christen konkret tun können

Der Leiter des evangelischen Fachverbandes für Sexualethik und Seelsorge Weißes Kreuz, Rolf Trauernicht (Ahnatal bei Kassel), ruft dazu auf, der Kindererziehung mehr Wertschätzung entgegenzubringen: „Es ist der Schöpfungswille Gottes, dass Kinder geboren werden, und eine höchst ehrenvolle Aufgabe, sie groß zu ziehen.“ Trauernicht zufolge können Christen viel dafür tun, damit Kinder willkommen sind. Dies beginne mit kinderfreundlichen Gottesdiensten. Außerdem könnten sie erwerbstätige Eltern entlasten, etwa durch Babysitterdienste und Hausaufgabenhilfe. Damit Kinder in bestmöglichen Verhältnissen groß werden, müsse man alles daran setzen, die Ehe als erstrebenswertes Ideal darzustellen. Dazu könnten christliche Gemeinden beitragen, indem sie verstärkt Seminare zur Ehevorbereitung und für Ehepaare anbieten.

Institut: Trend zum Hedonismus

Nach Angaben des Instituts für Demografie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF) hat die Familiengründung für viele junge Menschen keine Priorität mehr. „Es gibt einen Trend zum Hedonismus“, so der Wissenschaftliche Mitarbeiter Stefan Fuchs (Sankt Augustin bei Bonn). Konsum und berufliche Selbstverwirklichung stünden im Vordergrund. Kinderwünsche würden aufgeschoben – bis es dann oft zu spät sei.