19. November 2017

Volkenroda: Wunder Gottes erlebt

Quelle: idea.de

Albrecht Schödl, Pfarrer am Christuspavillon in Volkenroda. Foto: idea/Rösler

Albrecht Schödl, Pfarrer am Christuspavillon in Volkenroda. Foto: idea/Rösler

Volkenroda (idea) – Vom wiederbelebten ehemaligen Zisterzienser-Kloster Volkenroda (bei Mühlhausen) in Thüringen gehen heute „lebendige Impulse des Glaubens“ aus, die weit über die Region hinaus reichen. Das wurde dort bei einer Tagung zu missionarischen Perspektiven für ländliche Räume am 19. und 20. August deutlich. Das Kloster, dessen älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen und das zu DDR-Zeiten zu verfallen drohte, wurde nach der friedlichen Revolution in der DDR von der evangelikal-ökumenischen Kommunität Jesus-Bruderschaft wiederaufgebaut und zu einem geistlichen Zentrum ausgebaut.

Anlass für die Tagung war der 10. Jahrestag der Einweihung des Christus-Pavillons auf dem Gelände. Ursprünglich war der 3.000 Quadratmeter große stählerne Bau das kirchliche Zentrum auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. 1,8 Millionen Besucher waren dort gezählt worden. Seitdem wurden im Kloster Volkenroda mehr als eine halbe Million Besucher begrüßt, sagte Pfarrer Albrecht Schödl vom Christus-Pavillon gegenüber idea. Der Christus-Pavillon stehe für eine Kirche, die sich zur Welt öffne. Neben den drei Andachten täglich mit einer Abendmahlsfeier an jedem Morgen finden dort Konzerte, Kunstausstellungen, Kinovorführungen, einmal im Monat ein Bauernmarkt, Tagungen, eine umfangreiche Jugendbildungsarbeit und besondere Gottesdienste statt, etwa für Biker und zum Valentinstag. Zunächst sei der Christus-Pavillon für die Menschen in der Region ein gewisser Fremdkörper gewesen, meinte Schödl. Doch inzwischen identifizierten sich viele mit dem Bau. Hochzeitpaare ließen sich dort gerne fotografieren, manche heirateten auch dort. Bewohner aus der Umgebung führten ihre Gäste nicht ohne Stolz über das offene Gelände.

Wo Menschen neue Hoffnung finden

Die auch als Seelsorgerin tätige Landwirtin Ulrike Köhler von der Jesus-Bruderschaft sagte, man habe in Volkenroda Wunder Gottes erlebt. Ohne eigenes Geld habe man sich 1990 an den Wiederaufbau des Klosters gemacht. Bis heute seien über 50 Millionen Euro in das Kloster und die Infrastruktur investiert worden. Dass dies möglich geworden sei, verdanke man vor allem dem Wirken Gottes: „Das ist wunderbar, dass Gott auch heute noch erlebbar handelt.“ Dies gelte auch für die vielen ratsuchenden Menschen in Existenzkrisen, die in Volkenroda das „Kloster auf Zeit“ aufsuchten. Immer wieder erlebe man, dass Verzweifelte durch die seelsorgerliche Begleitung wieder neue Hoffnung für ihr Leben fänden. Die Jesus-Bruderschaft habe in der Region einen guten Ruf, unter anderem auch deshalb, weil ein Mitglied eine Firma gegründet und damit 200 Arbeitsplätze in der strukturschwachen landwirtschaftlich geprägten Region geschaffen habe.

Zur Mission gehört das Soziale

Bei der Tagung zog der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Prof. Gerhard Wegner (Hannover), ein „ernüchterndes Fazit“ – wie er sagte – von kirchlichen Missionsaktivitäten in Deutschland. Studien zeigten, dass diejenigen, die sich zur Kirche hielten, zugleich auch ein Hindernis für andere seien, dazuzustoßen. Doch zum Glauben finden könnten andere nur durch die Christen, wie die Missionsgeschichte seit 2.000 Jahren zeige. Eine Chance, verstärktes Interesse an der Kirche und ihrer Botschaft zu wecken, gebe es dann, wenn missionarische und soziale Aktivitäten zusammengebunden würden. Weil der Sozialstaat in Zukunft in immer größere Schwierigkeiten komme, ergäben sich für die Kirche deshalb auch neue Chancen, sagte Wegner, der auch als ehemaliger Expo-Beauftragter der EKD tätig war.

Das Leben mit den Menschen teilen

Eine ähnliche Position vertrat Pfarrer Thomas Schlegel vom Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald. Die Kirche könne die Menschen auf dem Land dann erreichen, wenn ihre Mitglieder mit den Menschen im Dorf das Leben teilten. Wichtiger als die Predigt des Pfarrers am Sonntag sei es, dass die Kirchenmitglieder sich um die Probleme und Nöte der Menschen kümmerten. Dazu gehöre es, dass sie sich „als Zeugen und Diener verstehen“ und wo es gewünscht wird, mit den Menschen auch beteten.

Das Kloster ist keine Konkurrenz

Pfarrerin Christine Rösch (Halle) vom Diakonischen Werk in Mitteldeutschland erklärte, dass das Reich Gottes im Neuen Testament nie nur verkündet worden sei: „Da wurden auch Kranke geheilt, Dämonen ausgetrieben und Tote auferweckt.“ Wer deshalb schon viele Predigten gehört habe, solle sonntags nicht in die Kirche gehen, sondern sich lieber um seine Mitmenschen kümmern, riet sie. Pfarrer Jürgen Schilling (Hannover) vom EKD-Projektbüro Reformprozess erklärte, dass ein geistlicher Aufbruch von einer Kirchenverwaltung nicht organisiert werden könne: „Wir sind darauf angewiesen, dass Gott uns Leute – schräge Typen – mit tollen Ideen schickt, die uns dann antreiben.“ Pfarrer Arne Tittelbach-Helmrich, der in der Nachbarstadt Körner tätig ist, wies die in einer Podiumsdiskussion aufgekommene Ansicht zurück, das Kloster Volkenroda könne als „geistliches Leuchtfeuer“ so etwas wie eine unliebsame Konkurrenz für seine Gemeinde sein. Das Gegenteil sei der Fall. Mit seiner Atmosphäre der Ruhe sei das Kloster eine gute Ergänzung zum Gemeindeleben. Deshalb nutze etwa auch das Gymnasium immer wieder den Christus-Pavillon für seine Zeugnisausgabe. Die aus neun Mitgliedern bestehende und kommunitär lebende Jesus-Bruderschaft in Volkenroda ist juristisch nicht mit der Jesus-Bruderschaft im hessischen Gnadenthal (bei Limburg) verbunden. Man verstehe sich jedoch „als eine Familie“, hieß es am Rand der Jubiläumsfeier in Volkenroda.