13. Dezember 2017

Salafismus: Wie islamische Extremisten missionieren

Quelle: idea.de

Koranschule - Foto: 	tokamuwi  / pixelio.de

Koranschule - Foto: tokamuwi / pixelio.de

Bonn (idea) – Islamische Extremisten bilden in Deutschland eine verschwindend kleine Minderheit unter den rund vier Millionen Muslimen. Dennoch sind die Sicherheitsbehörden besorgt über die wachsende Ausbreitung des Salafismus. Dabei handelt es sich um eine Glaubensform des Islam, die das gesamte staatliche, gesellschaftliche und persönliche Leben ausschließlich an den Prinzipien des Koran und der Prophetentradition vor allem aus der Frühzeit des Islam ausrichten will.

Etwa 2.500 Anhänger und 200 Hauptakteure gibt es nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer in Deutschland. Laut Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) streben Salafiten eine völlige Umgestaltung des Staates, der Gesellschaft und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an. Die missionarische Verbreitung ihrer Ideen etwa über das Internet, Missionsbüros, Info-Tische und Seminare wird aus Saudi-Arabien unterstützt. Zwar lehnen die meisten Salafiten Gewaltanwendung und den sogenannten Heiligen Krieg ab, aber es gibt Ausnahmen. So hatte der 21-jährige Konvertit Arid U. islamische Kampflieder gesungen, bevor er am 2. März zwei US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen erschoss.

Prediger: Scharia in Berlin

Prominentester Prediger der Salafiten in Deutschland ist Pierre Vogel, der sich freilich stets gegen Terroranschläge und „Gotteskrieger“ ausgesprochen hat. Doch macht er immer wieder mit seinen Auftritten Schlagzeilen. So empfahl er, in Problembezirken wie in Berlin-Neukölln versuchsweise das islamische Religionsgesetz, die Scharia, für kriminelle Jugendliche einzuführen. Sie sieht beispielsweise für Diebstahl das Abhacken von Händen vor; Ehebruch kann mit Steinigung und der „Abfall“ vom Islam – also der Religionswechsel von Muslimen – mit dem Tode bestraft werden. Vogel prophezeite Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sie werde in der Hölle landen, wenn sie nicht den Islam annehme.

„Scharia-Islam mit totalitären Zügen“

Mit dem Salafismus beschäftigt sich der Islamwissenschaftler Carsten Polanz vom Bonner Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz. Wie er schreibt, sei das Ziel aller salafitischen Bewegungen weltweit ein „Scharia-Islam mit totalitären Zügen“. Ob dieses Ziel mit oder ohne Gewalt erreicht werden solle, sei umstritten, die Übergänge zwischen friedlichen und militanten Gruppierungen fließend. Auch die einflussreichste islamische Massenbewegung, die ägyptische Muslim-Bruderschaft, sei von salafitischen Ideen geprägt. Sie propagiere die Rückkehr zum „wahren Islam“ und die Scharia als Lösung aller politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme.

Mission im Nadelstreifen

In Deutschland trete der Salafismus in unterschiedlichen Formen in Erscheinung. Polanz: „Während Vogel und seine Gesinnungsgenossen mit langen Bärten und weißen arabischen Gewändern ihre Rückbesinnung auf das siebte Jahrhundert unterstreichen, setzen sich andere Salafiten in Nadelstreifenanzügen für die politische Durchsetzung islamischer Rechtsvorstellungen ein.“ Ihren wachsenden Einfluss verdankten sie dem Internet. Mit modernsten Marketingmethoden würben sie auf ihren Seiten in der Sprache ihrer Zielgruppen für die „einzig wahre Religion“. Sie forderten eine Abgrenzung von „Ungläubigen“ und „Götzendienern“. Dazu zählten sie auch Juden und Christen, denen sie die im Koran beschriebenen Höllenstrafen androhten. Auch gemäßigte Muslime, die sich etwa nicht an die salafitische Geschlechtertrennung oder Kleiderordnung hielten, würden häufig zu „Ungläubigen“ erklärt.

Attraktiv für orientierungslose Jugendliche

Laut Polanz üben salafitische Gruppierungen mit ihren einfachen Feindbildern und Handlungsanweisungen eine starke Anziehungskraft gerade auf orientierungslose Jugendliche aus. Polanz stimmt der Einschätzung des hessischen Innenministers Boris Rhein (CDU) zu, dass der Salafismus wie ein Katalysator auf dem Weg in den islamistischen Terrorismus wirken könne. Man dürfe diese Ideologie daher nicht mit Toleranz betrachten, so Polanz. Nicht nur die Sicherheitsbehörden, sondern die ganze Gesellschaft müsse sich gegen Gruppen wenden, die sich von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entfernten.