20. September 2017

Eritrea: Christentum „ohne Netz und doppelten Boden“

Quelle: idea.de

30 Monate eingesperrt – Sängerin Helen Berhane veröffentlicht Biographie.

30 Monate eingesperrt – Sängerin Helen Berhane veröffentlicht Biographie.

Stuttgart (idea) – Als „Weckruf an die profillose Christenheit in Deutschland“ betrachtet der Leiter der Menschenrechtsorganisation „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ (HMK), Manfred Müller (Uhldingen/Bodensee), Berichte über den Bekennermut von Christen in dem ostafrikanischen Land Eritrea.

„Was uns westlichen Christen naiv erscheint, könnte auch normal sein, nämlich eine konsequente Christus-Nachfolge ohne Netz und doppelten Boden“, sagte Müller bei der Vorstellung der Biographie der eritreischen Sängerin Helen Berhane am 17. Juni in Stuttgart. Unter dem Titel „Mein Lied klingt aus der Nacht“ (Brunnen Verlag Gießen) beschreibt die heute 36-Jährige, die der pfingstlerischen Rema-Kirche angehörte, warum sie in ihrer Heimat 30 Monate lang ohne Anklage eingesperrt war. Vor Journalisten erläuterte sie, dass die neomarxistischen Machthaber es nicht ertragen könnten, dass Jesus Christus als höchste Autorität verkündigt werde. „Im Vertrauen auf Gott und aus Liebe zu den Menschen“ habe sie trotz mehrerer Ermahnungen nicht aufgehört, auf öffentlichen Plätzen zum christlichen Glauben einzuladen. Anstoß habe die Regierung auch an der Aufforderung zur Feindesliebe genommen, da dies angeblich den Kampf gegen den Nachbarstaat Äthiopien lähme. Im Mai 2004 wurde Frau Berhane verhaftet und in einem Metallcontainer des Militärcamps Mai-Serwa nördlich der Hauptstadt Asmara gefangen gehalten. Durch Folter erlitt sie schwere Beinverletzungen, so dass sie zeitweise nur noch an Stöcken gehen konnte. 2006 gelang ihr die Flucht in den Sudan; wenig später erhielt sie in Dänemark Asyl.

Bitten einheimischer Christen erfüllen

Laut Müller sind in Eritrea bis zu 3.000 Christen in Containern und unterirdischen Verließen eingesperrt. Das Land gehöre weltweit zu denen, die die Menschenrechte am wenigsten achteten. Obwohl die Verfassung Religionsfreiheit garantiere, seien nur orthodoxe, katholische, lutherische und muslimische Religionsgruppen staatlich anerkannt. Alle anderen seien für illegal erklärt worden. Verboten seien ebenfalls Versammlungen von mehr als sieben Personen, so dass auch Gottesdienste der traditionellen Kirchen und selbst Hochzeitsfeiern einen Vorwand für willkürliche Verhaftungen bildeten. Auch Muslime würden verhaftet, wenn sie den von der Regierung eingesetzten Mufti nicht anerkennen. Die HMK betreibe laut Müller in Eritrea keine eigenen Hilfsprojekte, sondern versuche, Bitten einheimischer Christen zu erfüllen. Dazu gehörten die Einfuhr von CD-Abspielgeräten für Hörbibeln, da beispielsweise Militärangehörigen der Besitz von gedruckten Bibeln verboten sei, Hilfen zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung und Betreuung von Flüchtlingen. Vor allem gehe es um die Weitergabe der Erwartung von Frau Berhane und anderer Christen, dass in den westlichen Ländern für bedrängte Christen gebetet werde, „damit wir Salz und Licht für unser Volk sein können“.

Kauder: Glaube an Gott gibt Kraft in schweren Stunden

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, kritisiert im Geleitwort zu Berhanes Buch die sozialen und politischen Missstände in Eritrea. Grundrechte würden nicht gewährleistet, Presse- und Religionsfreiheit seien stark eingeschränkt und eine unabhängige Berichterstattung unmöglich. Frau Berhane habe am eigenen Leib erlebt, was es bedeute, die Stimme gegen das Unrecht zu erheben. Ihr Buch zeige aber auch, wie der Glaube an Gott Kraft in schweren Stunden gebe. Eritrea ist seit der Abspaltung von Äthiopien 1993 ein unabhängiger Staat. Etwa die Hälfte der sechs Millionen Einwohner sind Kirchenmitglieder, die übrigen mehrheitlich Muslime.