18. Oktober 2017

Was in der Gemeinde Vorrang haben soll

Quelle: idea.de

Berlin (idea) – Welchen Stellenwert sollen Evangelisation und ethische Fragen in der Gemeindearbeit haben? Um diese Frage ging es beim „Runden Tisch“ der Koalition für Evangelisation (Lausanner Bewegung) am 31. Mai in Berlin. Sie wird getragen von der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) im Diakonischen Werk der EKD und der Deutschen Evangelischen Allianz. Die Vorsitzende der „Koalition“ und Leiterin des westfälischen Amtes für Missionarische Dienste, Pfarrerin Birgit Winterhoff (Dortmund), vertrat die Ansicht, dass Evangelisation der erste und wichtigste Auftrag der Gemeinde sei.

Dafür sollten sich nicht nur Missionsgesellschaften oder Abteilungen der Kirche engagieren, sondern alle Christen. Ihre Aufgabe sei es, auf die Einzigartigkeit Jesu Christi hinzuweisen. Es werde immer wieder deutlich, wie wenig Kraft zur Bewältigung moderner Fragen in anderen Religionen stecke. Winterhoff zufolge wird in Deutschland wieder mehr evangelisiert. Als Folge kontinuierlicher missionarischer Gemeindearbeit komme es zu Aufbrüchen. So biete die AMD zunehmend Glaubenskurse an. Zudem würden die via Satellit übertragenen Evangelisationen JesusHouse und ProChrist von vielen Gemeinden genutzt. Zunehmende Bedeutung gewinne auch die Zusammenarbeit mit Migrationsgemeinden.

Warnung vor Wohlstandsevangelium

Winterhoff warnte zugleich vor einem Wohlstandsevangelium, das den christlichen Glauben in einen direkten Zusammenhang mit irdischem Wohlergehen, Gesundheit, Erfolg und Reichtum bringt. Zum christlichen Leben gehörten auch Leiden und Niederlagen. Christen stünden in der Gefahr, materiellen Werten eine zu hohe Bedeutung beizumessen. Ein Lebensstil in der Nachfolge Jesu Christi zeichne sich jedoch durch Demut, Integrität und Einfachheit aus.

Haben sozialethische Themen zu viel Gewicht?

Der Direktor der Internationalen Hochschule Liebenzell, Volker Gäckle, warnte vor einer Überbetonung ethischer Fragen zu Lasten der Evangelisation. Er äußerte sich kritisch zur „Kapstadt-Verpflichtung“ des Dritten Lausanner Kongresses für Weltevangelisation. Im Oktober 2010 waren in Kapstadt (Südafrika) 4.000 evangelikale Repräsentanten aus 200 Ländern zusammen gekommen, um über die Zukunft der Christenheit und der Weltevangelisation zu beraten. Gäckle zufolge hat das Thema „Evangelisation“ in der Kapstadt-Verpflichtung jedoch „keine dominierende Stellung mehr“. Sozialethische Fragen hätten ein deutlich höheres Gewicht. Der Schwerpunkt liege auf den globalen Herausforderungen wie Hunger, Armut und AIDS. Dagegen sei die Lausanner Erklärung von 1974 von der Eschatologie (der Lehre von den letzten Dingen, zum Beispiel der Wiederkehr Christi) geprägt gewesen, so Gäckle. Die evangelikale Theologie habe sich in den letzten 40 Jahren entscheidend gewandelt. Im Vordergrund habe früher die Frage gestanden, was von Gott in Zukunft zu erwarten sei. Heute herrsche der ethische Appell vor, was der Mensch tun solle. Bei der Lösung der vielen sozialen, ökologischen und politischen Themen könne man sich jedoch übernehmen, wie das Beispiel des Ökumenischen Rates der Kirchen und der Vereinten Nationen zeigten. Es bleibe für die evangelikale Bewegung eine Herausforderung, „einen Weg zwischen einer weltabgewandten Schneckenhausexistenz und einem übersteigerten Machbarkeitswahn zu finden“.

Christen, werdet Maximalisten!

Gäckles Aussagen stießen beim Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Ansgar Hörsting (Witten), auf Widerspruch. Er rief dazu auf, dass Christen Maximalisten werden sollten, die aus der Fülle des Lebens schöpfen. Ein christlicher Minimalist kenne nur die Sorge, verlorene Seelen zu retten und habe Angst vor zu viel Weltzugewandtheit. Dagegen kümmere sich ein Maximalist um Leib und Seele. Hörsting: „Ich habe die Nase voll von Engführungen und der Alternative: Verkündigung oder Diakonie.“ Wort und Tat dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Was die Evangelikalen auszeichnet

Der Vorsitzende des Landesverbandes Landeskirchlicher Gemeinschaften Sachsen, Prof. Johannes Berthold (Moritzburg), sagte, der Begriff „evangelikal“ habe für ihn bei der Kapstadter Konferenz an Glanz gewonnen. Er selbst verstehe sich als lutherischer Pietist und habe den Evangelikalen skeptisch gegenüber gestanden. In Kapstadt habe er jedoch „keine fromme Innerlichkeit, sondern einen wachen Blick auf die Welt“ erlebt. Die Evangelikalen kennzeichne eine „wohltuende Ganzheitlichkeit“ aus der Liebe zu Gott und zur Welt und dem Einsatz für die Armen und Verzweifelten. Zudem habe er bei den Evangelikalen kein enges Bibelverständnis erlebt. Berthold: „Die Spiritualität der Evangelikalen ist zutiefst reformatorische Bibelfrömmigkeit, die ich gerne in unseren lutherischen Kirchen zurückgewinnen möchte.“ Die Koalition für Evangelisation ist ein freier Zusammenschluss evangelischer Christen aus Landes- und Freikirchen, Werken, Verbänden und Initiativen. Zum Trägerkreis zählen 228 Mitglieder. Stellvertretende Vorsitzende sind der frühere AMD-Generalsekretär Hartmut Bärend (Berlin) und der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart).