23. Oktober 2017

Warum tut der Westen nichts gegen Christenverfolgung?

Quelle: idea.de

Der anglikanische Bischof Michael Nazir-Ali: Entwicklungshilfe an Menschenrechte binden. Foto: PR

Der anglikanische Bischof Michael Nazir-Ali: Entwicklungshilfe an Menschenrechte binden. Foto: PR

London (idea) – Scharfe Kritik an der Zurückhaltung des Westens gegenüber der Unterdrückung und Verfolgung von Christen im Nahen Osten, Südasien und anderen Teilen der Welt übt der anglikanische Bischof Michael Nazir-Ali (London).

Zwar unternähmen die Vereinten Nationen die notwendigen Schritte, um das libysche Volk vor dem Regime von Diktator Muammar al-Gaddafi zu schützen, aber er frage sich, warum es dem Westen nicht möglich sei, etwas gegen die „weitreichende und wachsende Christenverfolgung“ zu tun, schreibt er im Londoner Magazin Standpoint (Standpunkt). Der 61-jährige frühere Bischof von Rochester, der die britische und die pakistanische Staatsbürgerschaft besitzt, hatte sein Kirchenamt am 1. September 2009 aufgegeben, um sich den verfolgten Christen und der Auseinandersetzung mit dem Islam zu widmen. Besonders besorgt ist der Evangelikale über die Lage in Irak, Pakistan und Afghanistan. Unter anderem tritt er dafür ein, dass die internationale Staatengemeinschaft der christlichen Minderheit im Irak Schutz und Sicherheit garantiert. Sonst hätten Christen keine andere Wahl, als aus ihrer Heimat zu fliehen. Christen leben seit fast 2.000 Jahren im Irak. Inzwischen hat sich ihre Zahl dezimiert, weil viele vor Anschlägen islamischer Extremisten geflohen sind. 1990 waren in dem Land mit heute rund 29 Millionen Einwohnern 1,4 Millionen Christen, heute sind es etwa 200.000.

Pakistan: Diskriminierung per Gesetz

In Pakistan sei die Lage ähnlich, nur dass dort die Diskriminierung von Christen auch noch im Gesetz verankert sei. Nazir-Ali bezieht sich auf das Blasphemiegesetz, das ein Beispiel für „krasse Intoleranz“ gegenüber religiösen Minderheiten sei. Es sieht die Todesstrafe für jeden vor, der den Propheten Mohammed beleidigt. Seit Inkrafttreten des Gesetzes vor 20 Jahren wurden über 650 Christen wegen eines oft unbegründeten Verdachts angeklagt. Zur Vollstreckung von Todesurteilen kam es bisher nicht. Wie Nazir-Ali weiter schreibt, hätten in Afghanistan zwar Frauen und Mädchen durch die internationale Intervention größere Rechte erhalten, aber dies gelte nicht für Christen, obwohl die UN-Menschenrechtserklärung in die Verfassung aufgenommen sei. Von den 173 Millionen Einwohnern sind etwa 95 Prozent Muslime, zwei Prozent Christen, zwei Prozent Hindus und der Rest Sikhs, Buddhisten und Anhänger anderer Religionen.

Umdenken bei Entwicklungshilfe

Der Bischof mahnt ein Umdenken bei der Gewährung von Entwicklungshilfe an. Er frage sich, warum diese nicht an die Leistungen der Empfängerländer beim Umgang mit religiösen Minderheiten und an die Bekämpfung des Extremismus geknüpft werden könne. Westliche Hilfe sollte zum Beispiel dazu verwendet werden, die Hass-Lehren aus Schulbüchern zu tilgen, das Bildungssystem zu reformieren, die Rolle von Frauen und Nicht-Muslimen zu stärken und den interreligiösen Dialog zu fördern.

Volksbewegungen: Nicht alles ist demokratisch

Nazir-Ali warnt vor einem Aufleben radikal-islamischer Kräfte im Zusammenhang mit den Volksaufständen in Nordafrika und dem Nahen Osten. Selbst wenn sich islamische Reformbewegungen als gewaltfrei bezeichneten, könnte ihr Eintreten für einen „reinen“ Islam, ihre Abneigung gegen gleiche Rechte für Nicht-Muslime, gegen den Westen und Israel westlichen Vorstellungen von Demokratie widersprechen. In einigen Fällen verfolgten sie das Ziel, eine islamische Weltordnung zu errichten.

Jüdisch-christliche Tradition stärken

Das Aufleben des Islam betreffe nicht nur traditionell islamisch geprägte Länder, sondern gehe auch im Westen mit einer Radikalisierung innerhalb von muslimischen Gemeinschaften einher, die sich von der Gesellschaft absonderten. Dem islamischen Extremismus könne man im Westen nur widerstehen durch eine Rückbesinnung auf die jüdisch-christliche Tradition und ihre Rolle im öffentlichen Leben.