23. Oktober 2017

Ist bin Ladens Tod ein Grund zur Freude?

Quelle: idea.de

Foto: flicker/theqspeaks

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Washington/Berlin (idea) – War es richtig, Terrorchef Osama bin Laden in einer gezielten Aktion zu töten, anstatt ihn gefangen zu nehmen und vor ein Gericht zu stellen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Während Politiker die militärische Aktion gegen den Gründer des islamistischen Terror-Netzwerks Al Kaida überwiegend als Erfolg bewerten, sind Theologen deutlich zurückhaltender. Bin Laden war unter anderem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 auf New York und Washington mit fast 3.000 Toten. Bei der Bekanntgabe seines Todes sagte US-Präsident Barack Obama: „Der Gerechtigkeit ist Genüge getan worden.“ Der Ratspräsident der Europäischen Union, Herman Van Rompuy, und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärten: „Sein Tod macht die Welt sicherer und zeigt, dass solche Verbrechen nicht unbestraft bleiben.“ Nach Ansicht von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) war bin Laden einer der brutalsten Terroristen der Welt. Dass ihm „sein blutiges Handwerk gelegt werden konnte, ist eine gute Nachricht für alle friedliebenden und freiheitlich denkenden Menschen auf der ganzen Welt“.

Militärbischof empfand keine Freude

Weniger positiv beurteilen Theologen die Tötung des Topterroristen. Vor allem die öffentlich zur Schau gestellte Freude über den Tod Osama bin Ladens stößt bei ihnen auf Kritik. Kurz nachdem bekannt worden war, dass er von US-Spezialeinheiten erschossen wurde, hatten vor allem Menschen in den USA jubelnd seinen Tod gefeiert. „Freude hätte ich gestern nur empfinden können, wenn bin Laden festgenommen und einem rechtsstaatlichen Verfahren zugeführt worden wäre“, erklärte hingegen der Evangelische Militärbischof Martin Dutzmann (Detmold) gegenüber idea. „Sollte das gar nicht versucht worden sein, hielte ich seine Tötung für ethisch nicht akzeptabel.“ Auch ein Massenmörder sei ein Geschöpf Gottes mit der ihm von Gott verliehenen Würde. Zwar habe bin Laden „schreckliche Verbrechen begangen, unter denen die Angehörigen der Opfer bis heute leiden“. Dieses Leid könne aber nur durch geduldiges Begleiten und fürbittendes Gedenken wirklich gelindert werden, nicht aber durch die Tötung des Verursachers.

Gebot „Du sollst nicht töten“ gilt ohne Einschränkung

Auf die Frage, ob Christen andere Menschen in bestimmten Situationen töten dürften, erklärte Dutzmann, das biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ gelte für Christen ohne Einschränkung. „Nun können Christen aber in eine Situation geraten, in der es nötig ist, Gewalt anzudrohen und anzuwenden, um größere Gewalt zu verhindern oder zu beenden.“ Dann entstehe ein ethisches Dilemma, aus dem der Soldat nicht herauskomme, ohne schuldig zu werden. „Ein Christ weiß aber, dass er sich mit seiner Schuld an Gott wenden („…und vergib uns unsere Schuld“) und auf Vergebung hoffen darf“, so Dutzmann. Der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß (Bielefeld), kritisierte die Tötung des Terroristenführers ebenfalls. Gewalt anzuwenden, um Gewalt aus der Welt zu schaffen, sei eine verhängnisvolle Logik, sagte der Theologe der Zeitung „Neue Westfälische“ (Bielefeld). „Die Welt wird nicht besser, indem man Menschen tötet, sondern dadurch, dass man auf seine Feinde zugeht.“ Er bezweifle, dass der Tod bin Ladens die Welt friedlicher macht, so Buß. „Das Feindbild ist weg, nicht aber die Bedrohung.“

Vatikan: Tod eines Menschen ist niemals Grund zur Freude

Auch die katholische Kirche äußert sich zurückhaltend. Der Sprecher des Vatikans, Federico Lombardi, hatte bereits am 2. Mai erklärt: „Der Tod eines Menschen ist für einen Christen niemals Grund zur Freude.“ Der katholische Ethikprofessor Michael Bongardt von der Freien Universität Berlin hält die offene Freude über den Tod bin Ladens zumindest für problematisch. „Natürlich ist es verständlich, wenn man spontan ein Gefühl der Erleichterung und der Befreiung empfindet. Aber dann sollte man sich fragen, ob dieses Gefühl angemessen ist“, sagte der Professor der Nachrichtenagentur dapd.

Muslimische Verbände erleichtert

Muslimische Verbände in den USA und Deutschland reagierten mit Erleichterung auf den Tod des Terroristenführers. „Die Welt ist definitiv besser ohne den Patron aller Terroristen“, zitiert die Zeitung „USA Today“ den Leiter des „Islamic Center of America“ in Dearborn (US-Bundesstaat Michigan), Imam Hassan Al-Qazwini. Er bezeichnete bin Laden als den „berühmtesten Gangster der Welt“. Der Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen begrüßte die Todesnachricht ebenfalls. Auch unter Muslimen in Deutschland stieß die Botschaft vom Tod bin Ladens auf Erleichterung. „Mit einer Mischung aus Erleichterung und Überraschung, dass bin Laden überhaupt noch lebte, haben viele Muslime seinen Tod aufgenommen“, erklärte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, gegenüber der Bild-Zeitung. Zwar könne bin Laden jetzt nicht mehr vor ein ordentliches Gericht gestellt werden, was den Opfern des 11. Septembers 2001 die Möglichkeit gegeben hätte, den Tätern ins Gesicht zu schauen. Die Entscheidung der US-Einsatztruppe, bin Ladens Leiche auf See zu bestatten, bezeichnete Mazyek als „intelligent“. Auf diese Weise könne aus seiner Grabstätte später keine extremistische Kultstätte entstehen.