17. Oktober 2017

Eine „Veränderungsabteilung“ für jede Landeskirche

Quelle: idea.de

Der Theologe Peter Böhlemann. Foto: PR

Der Theologe Peter Böhlemann. Foto: PR

Schwerte (idea) – Mehr Bereitschaft zu Veränderungen in der Volkskirche hat ein evangelischer Experte für die Aus- und Weiterbildung von Pastoren gefordert. „Wir haben in der Kirche zwar eine in der Regel gut funktionierende Bürokratie, aber keine Veränderungsabteilung, die sich mit Innovation beschäftigt und neue Ideen ausprobiert“, sagte der Theologe Peter Böhlemann in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.

Der 47-Jährige leitet in Schwerte das Gemeinsame Pastoralkolleg der Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe sowie der Evangelisch-reformierten Kirche. Er wünsche sich, dass die Kirche 20 Prozent ihrer Finanzen für innovative Projekte einsetzt, etwa für Gemeindegründungen. „Die Kirche braucht Gemeindegründer und Evangelisten“, so der Theologe. Böhlemann plädiert dafür, in jedem Landeskirchenamt eine Innovationsabteilung einzurichten.

Weniger Einnahmen – Mehr Reformen

Zur Frage, ob die durch das 2006 präsentierte Reformpapier „Kirche der Freiheit“ ausgelöste Reformbereitschaft inzwischen erlahmt sei, sagte er: „Die Veränderungsbereitschaft der Kirche besteht weiterhin. Allerdings erleben wir inzwischen einen gewissen Stillstand, weil die Kirchensteuereinnahmen wieder etwas stärker fließen, als während der Wirtschaftskrise erwartet wurde. Wenn die Einnahmen stärker zurückgehen würden, gäbe es auch schneller Reformen.“ Der Theologe ging auch auf Fragen der Gemeindeleitung ein. Er widersprach der Ansicht, dass eine Gemeinde einen starken Leiter braucht: „Wir brauchen ein Leitungsteam. Je mehr Menschen in der Gemeindeleitung mitarbeiten, desto besser – das gilt für landes- wie freikirchliche Gemeinden.“

Urkirche kennt keine Führung durch den Einzelnen

In vielen freikirchlichen Gemeinden werde so getan, als gebe es eine Führung durch den Heiligen Geist: „Tatsächlich wird die Leitung jedoch oft sehr massiv von einzelnen charismatischen Leitungspersönlichkeiten ausgeübt, die sagen, wo es langgeht. Und das geht oft schief.“ Böhlemann erinnerte an den Führungsstil Jesu Christi: „Jesus hat seine Jünger nie allein, sondern immer im Team losgeschickt. Die Urkirche kennt keine Führung durch den Einzelnen.“ Nach den Worten des Theologen finden gute Leitungspersönlichkeiten in den Gemeinden schnell Mitarbeiter. Allerdings werde es für die Kirche zunehmend schwerer, Leitungsämter zu besetzen: „In Zeiten von Stellenstreichungen, Fusionen und Sparauflagen macht es eben wenig Freude zu leiten.“

Nicht zu einer „sitzenden Kirche“ werden

Böhlemann warnt vor zu vielen und zu langen Sitzungen: „Es besteht die Gefahr, dass wir aus einer gehenden Kirche, die unterwegs zu anderen Menschen ist, zu einer sitzenden Kirche werden, die sich in Gremienarbeit und Sitzungen erschöpft.“ Böhlemann verfasste zusammen mit dem Greifswalder Theologieprofessor Michael Herbst das Buch „Geistlich leiten“ (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/Göttingen).