21. September 2017

Werden mehr Katholiken evangelisch?

Quelle: idea.de

Wetzlar (idea) – Treten vermehrt Katholiken zur evangelischen Kirche über? Diese Frage stellt sich angesichts der offenbar stark gestiegenen Austritte aus der römisch-katholischen Kirche im vergangenen Jahr. Nach einer Umfrage der Beilage „Christ und Welt“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg) bei den 27 Bistümern kehrten 2010 etwa 180.000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken. Das wären 40 Prozent mehr als 2009.
 
Als Ursache werden vor allem die Skandale um sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen vermutet. Die EKD-Statistikabteilung geht nach einer „groben Schätzung“ von rund 150.000 Austritten für 2010 aus, etwa ebenso viele wie im Jahr davor. Über die Zahl der Katholiken, die 2010 auf die protestantische Seite wechselten, liegen im EKD-Kirchenamt in Hannover noch keine Zahlen vor. 2009 waren es 9.600 und im Jahr davor 8.400. Landeskirchen mit einem hohen Katholikenanteil in ihrem Gebiet verzeichneten jedoch ein deutliches Plus bei den Übertritten. Das ergab eine Umfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). In Württemberg sei die Zahl der Übertritte aus anderen Kirchen „deutlich höher“ als in den Vorjahren gewesen. Dabei habe es sich fast ausschließlich um ehemalige Katholiken gehandelt, so der Pressesprecher der württembergische Landeskirche, Dan Peter (Stuttgart). Konkrete Zahlen konnte er noch nicht nennen. Auch die hessen-nassauische Kirche hat nach Angaben ihres Pressesprechers Stephan Krebs (Darmstadt) 2010 mehr Übertritte aus der katholischen Kirche registriert. In manchen Eintrittstellen seien die Zahlen in einem Quartal so hoch gewesen wie sonst in einem ganzen Jahr. Die Kirche sei noch dabei, die genauen Daten zu erheben, so Krebs.

Rheinland: Stetige Zunahme der Übertritte

Die Evangelische Kirche im Rheinland beobachtet seit Jahren einen stetigen Anstieg der Übertritte aus der römisch-katholischen Kirche. 2009 habe die Zahl bei 1.800 gelegen, so Pressesprecher Jens Peter Iven (Düsseldorf): „Die bisherigen Zahlen lassen den Schluss zu, dass sich diese Entwicklung auch 2010 fortgesetzt hat.“ Entsprechend sei die Tendenz auch in der Evangelischen Kirche von Westfalen, so deren Pressestelle in Bielefeld. Zahlen für 2010 lägen aber noch nicht vor. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern stieg die Zahl der Eintritte 2010 auf rund 5.500 (2009: 3.500). Ob der Zuwachs vor allem aus Übertritten aus der römisch-katholischen Kirche resultiert, könne man jetzt noch nicht sagen, so Pressesprecher Johannes Minkus (München).

Relativ wenige Übertritte zu Altkatholiken

Die Altkatholische Kirche profitiert offenbar kaum von der Austrittswelle aus der römisch-katholischen Kirche. Die Zahl der rund 16.000 Altkatholiken in Deutschland nehme leicht zu, sagte Ordinariatsrat Ralph Kirscht (Bonn) von der Pressestelle. Die aktuelle Statistik der Zugänge für 2010 sei noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben. In den Jahren davor habe die Zahl bei jeweils 200 bis 300 gelegen. Bei den meisten Eintritten handele es sich um Personen aus der römisch-katholischen Kirche. Grund sei meist eine allgemeine Unzufriedenheit über deren Entwicklung, etwa über die mangelnde Reformbereitschaft. Die Altkatholische Kirche weiht seit 1996 Frauen für das Priesteramt.