11. Dezember 2017

Was wollen die „neuen Atheisten“?

Quelle: idea.de

Christen und Humanisten diskutieren bei einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Christen und Humanisten diskutieren bei einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Berlin (idea) – Ein „neuer Atheismus“ macht verstärkt Front gegen Religion und Kirchen. Was sind seine Ziele und welche Rolle sollen Christen und Laizisten – sie fordern eine strikte Trennung von Staat und Kirche – künftig in der SPD spielen?
 

Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit 150 Teilnehmern am 11. April in Berlin. Der Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland, Horst Groschopp (Berlin), plädierte dafür, zwischen Atheismus und Humanismus zu unterscheiden. Der Atheismus allein gebe keine Antwort auf Lebensfragen und besage nur, dass jemand nicht an Gott glaube. Groschopp: „Als Atheist kann man im Prinzip auch Nationalsozialist oder Rassist sein, als Humanist kann man das nicht.“ Der Humanistische Verband Deutschlands vertrete eine Weltanschauung, die einen rein wissenschaftlichen Zugang zur Welt suche. Die Menschheit habe keinen übernatürlichen Beschützer. Es sei allein Aufgabe des Menschen, die Welt zu verbessern und Leiden zu verringern. Unterschiedliche Vorstellungen hätten Humanisten über das Verhältnis von Staat und Religion. Einige wünschten eine strikte Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) und forderten etwa, dass es keinen Religionsunterricht an Schulen geben dürfe. Andere verlangten, den Humanismus mit den Religionen gleich zu behandeln und ihn ebenfalls an den Schulen zu lehren.

Pfarrer: Attraktive Medienarbeit der Atheisten

Der Berliner Pfarrer Andreas Fincke – von 1992 bis 2007 Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen – bescheinigte den neuen Atheisten eine „ausgesprochen attraktive Medienarbeit“. So greife die Giordano-Bruno-Stiftung geschickt das zunehmend kirchenfeindliche gesellschaftliche Klima auf. Obwohl humanistische Organisationen nur wenige Mitglieder haben, hätten sie in den letzten Jahren viel erreicht. Fincke zufolge bietet der Atheismus „säkulare Heilserwartungen“ und verwende dabei häufig eine „herablassende, bisweilen verächtliche Sprache“. So gebe es laut dem atheistischen Evolutionsbiologen und Bestsellerautor Richard Dawkins („Der Gottes-Wahn“) ohne Religion weder Attentate noch Ehrenmorde und Kriege. Dawkins wolle die Menschen zum Atheismus bekehren und fordere mit missionarischem Eifer die Abschaffung oder gar Zerstörung der Religion. Der neue Atheismus reduziere Religion auf das Böse und ignoriere ihre positiven Seiten. Fincke erinnerte daran, dass zahlreiche Bürgerrechtsbewegungen des 20. Jahrhunderts christlich geprägt waren und die ostdeutsche SPD 1989 in einem evangelischen Pfarrhaus gegründet wurde. Es sei verletzend, wenn Atheisten wie der Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon (Beßlich bei Trier), das Christentum als „die dümmste“ aller Religionen bezeichnen. Allerdings neigten auch Kirchenvertreter bei Kritik zu herablassenden und besserwisserischen Antworten.

„Beliebigkeitsatheismus“ bringt Kirchen in Bedrängnis

Zudem zeigten die Kirchen wenig Interesse daran, die Ursachen der Konfessionslosigkeit zu untersuchen. Fincke: „Keine Region der Welt ist so entkirchlicht wie der Großraum zwischen der Lutherstadt Wittenberg und der Lutherstadt Eisleben. Ich verstehe nicht, warum sich die beiden großen Kirchen sich diesem Problem nicht mehr annehmen.“ An jedem Werktag würden in Deutschland so viele Menschen aus der Kirche austreten, wie in einen vollbesetzten ICE mit 18 Wagen passen. Nicht der kämpferische „neue Atheismus“, sondern der „Beliebigkeitsatheismus“ bringe die Kirchen in Bedrängnis.

Kein religiöses Bildungsdefizit

Finckes Äußerungen stießen auf heftigen Widerspruch. Der Sprecher des laizistischen Arbeitskreises in der SPD, der Bundestagsabgeordnete Rolf Schwanitz, sagte, Formulierungen wie „Beliebigkeitsatheismus“ oder „religiöser Analphabetismus“ seien für ihn „im höchsten Maße beleidigend“. Wer konfessionsfrei sei, habe kein Bildungsdefizit. Das Beiratsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung, Ingrid Matthäus-Maier (SPD), forderte dazu auf, die Staatsleistungen für die Kirchen abzubauen. Kirchenvertreter sollten angesichts ihres Bedeutungsverlustes nicht jammern. Es falle keinem der Himmel auf den Kopf, wenn es auch in der SPD Laizisten gebe.

Ist die SPD christlich oder laizistisch geprägt?

Der Sprecher des Arbeitskreises Christinnen und Christen in der SPD, der katholische Schulleiter Benno Haunhorst (Hildesheim), entgegnete, dass die SPD ihrer historischen Herkunft nach keine laizistische Partei sei. Der Arbeitskreis von Christen in der Partei bestehe schon sehr lange. So gebe es in seiner Familie bereits seit mehr als 100 Jahren Christen, die der SPD angehören. Das Parteiprogramm setze sich nicht für den Laizismus ein, sondern für die partnerschaftliche Zusammenarbeit des Staates mit den Religionsgemeinschaften. Er könne sich nicht vorstellen, dass der SPD-Parteivorstand einen offiziellen laizistischen Arbeitskreis zulassen werde, so Haunhorst.

Atheisten nicht der Partei „Die Linke“ überlassen

Der Leiter der Abteilung Lebenskunde beim Humanistischen Verband Deutschland, Werner Schultz (Berlin), warf den Christen in der SPD vor, die Humanisten zu diffamieren. Der Laizismus werde ständig als Bedrohung wahrgenommen. Umfragen zufolge bezeichneten sich jedoch 15 Millionen Deutsche als Atheisten. Diese dürfe die SPD nicht der Partei „Die Linke“ überlassen. Der Sprecher des laizistischen Arbeitskreises in der SPD, Michael Bauer (Nürnberg), vertrat die Ansicht, dass Christen oft gar nicht merkten, wie stark ihre Privilegien seien. Es widerspreche dem Grundgesetz, dass der Religionsunterricht auf Staatskosten erteilt werde. Weltanschauungsgemeinschaften wie der Humanistische Verband müssten gleich behandelt werden. Wenn man den Konfessionsfreien gerecht werden wolle, müsse das Staatskirchenrecht dringend reformiert werden.

Humanisten haben bundesweit höchstens 20.000 Mitglieder

Der Leiter des Referats „Interkultureller Dialog“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, Johannes Kandel (Berlin), sagte, die etwa 28 Millionen Konfessionslosen in Deutschland bildeten keinen monolithischen Block. Sie hätten sehr unterschiedliche Haltungen zu Religion und Kirche und verstünden sich selbst wahlweise als Laizisten, Humanisten, Freidenker, Konfessionsfreie oder als Atheisten. Nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW/Berlin) haben atheistische und freidenkerische Organisationen bundesweit höchstens 20.000 Mitglieder.