22. September 2017

Kirchenmitgliedschaft zahlt sich aus

Quelle: idea.de

Düsseldorf (idea) – Nach landläufiger Meinung treten viele Bürger vor allem aus finanziellen Gründen aus der Kirche aus: Sie wollen die Kirchensteuer sparen. Doch das kann eine Milchmädchenrechnung sein, wie das Magazin „Wirtschaftswoche“ (Düsseldorf) feststellt. Denn in manchen Fällen macht sich eine Kirchenmitgliedschaft bezahlt. Wenn etwa eine Familie aktiv am kirchlichen Leben teilnehme und die Kinder auf eine kirchliche Schule schicke, falle die Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen positiv aus, heißt es in dem Heft mit dem Titelthema „Lohnt sich Kirche?“.
 
Das Blatt hat eine Musterrechnung von einem Steuerberater erstellen lassen. Als Beispiel dient ein katholisches Paar (beide 35), das heiraten und zwei Kinder bekommen will. Der Mann verdient im Jahr 45.000 Euro, die Frau 40.000 Euro. Ihr Gehalt steigt jährlich um zwei Prozent. Der Berechnung zufolge zahlt das Paar im Laufe seines Lebens 70.861 Euro Kirchensteuer. Das Beispiel geht davon aus, dass die Steuerregeln unverändert bleiben und im Ruhestand keine Kirchensteuer anfällt. Welche Vorteile genießt das Paar durch die Kirchenmitgliedschaft? Beispiel Bildung: Die beiden Kinder gehen auf ein kirchliches Gymnasium. Wie es heißt, würde eine freie Privatschule 400 Euro im Monat kosten, bei der kirchlichen fallen 80 Euro an. Netto-Ersparnis bei zwei Kindern und acht Jahren Schulzeit: 56.947 Euro.

Seelsorge statt Psychotherapie

Die Berechnung geht ferner davon aus, dass das Ehepaar dank Gottesdienstbesuch, Seelsorge und Beichte pro Jahr auf eine Sitzung beim Psychotherapeuten verzichten kann; der berechnet pro Stunde etwa 100 Euro. Gesamtersparnis bis zum 85. Lebensjahr: 10.000 Euro. Einen Nutzen zieht das Paar auch auf kulturellem Gebiet. Es besucht statt der Oper vor allem kirchenmusikalische Konzerte, die häufig kostenlos angeboten werden. Ein Opernbesuch alle zwei Jahre würde sie bis zum Lebensende rund 5.000 Euro kosten, so die Berechnung. Finanzielle Vorteile bietet eine Kirchenmitgliedschaft auch bei Trauung, Taufe und Bestattung. Laut der Berechnung müsste das Paar insgesamt etwa 2.600 Euro mehr aufwenden, wenn es bei alternativen Feiern freie Redner engagieren und entsprechende Räume mieten würde. Bei der Musterrechnung belaufen sich die Gesamtleistungen der Kirche auf 75.277 Euro – 4.416 Euro mehr, als das Paar Kirchensteuer zahlt.

Kirchen sind materiell reich und geistlich arm

Wie Chefredakteur Roland Tichy in einem weiteren Beitrag schreibt, sind die beiden großen Kirchen in Deutschland „materiell reich – und verarmen spirituell“. Sie erhielten pro Jahr 9,5 Milliarden Euro in Form von Steuereinnahmen und Staatszuschüssen. Obwohl die Mitgliederzahl jährlich um ein Prozent sinke, blieben die Einnahmen dank steigender Einkommen konstant. Tichy: „Doch so kapitalstark die Kirche sind, so glaubensschwach erscheinen sie, wie leere Kirchen und überalterte, mutlose Gemeinden zeigen – das Feuer des Glaubens erlischt.“

Religion nicht auf dem Rückzug

Weltweit sei die Religion aber keineswegs auf dem Rückzug. Die Zahl der Christen in Asien und Südamerika steige. In Russland erlebe die Kirche eine Renaissance. Viele Deutsche suchten außerhalb der Amtskirche nach Sinn und Glauben. So folgten sie „mit inbrünstigem Eifer“ esoterischen Wunderheilern, von der Bachblütentherapie bis zum Buddhismus. 20.000 Deutsche pilgerten zum Dalai Lama, wenn er rufe. Vielerorts entstünden neue Moscheen: „Dagegen wirken die scheinbar mächtigen christlichen Großkirchen mit ihren Zigtausenden Kirchengebäuden, Ämtern, Apparaten, ihren Pöstchen und Räten und Lehrstühlen wie riesige, steinerne, aber seelenlose Gehäuse, betrieben von einem Heer festbesoldeter Religionsbeamter.“ Tichy fragt: „Macht zu viel Einfluss und zu viel Geld glaubensmüde?“

Auf das Kerngeschäft konzentrieren

Der Chefredakteur äußert sich auch zur Berufung von Kirchenvertretern in die Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ der Bundesregierung. Darunter sind der badische Landesbischof Ulrich Fischer (Karlsruhe) und der katholische Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx. Tichy: „Ohne Gefolge und Botschaft fühlen sich die Bischöfe geschmeichelt, wenn wenigstens der Staat sie benutzt.“ In der Kommission dürften die „Glaubensfürsten“ unter Federführung des Kirchenreferats im Bundeskanzleramt einem Industriemann erläutern, wie die Bundeskanzlerin sich die „Energiewende“ wünsche. „Statt dem Atem Gottes zu lauschen, verhandeln sie über Windräder“, so Tichy. Nach seinen Worten wäre „eine Fokussierung aufs Kerngeschäft“ besser. Aber es sei „wohl angenehmer, sich im Staatsauftrag vor Kameras wichtigtuerisch zu blähen, statt vor leeren Bänken zu predigen und die verbliebenen Gläubigen vom Wort Gottes zu überzeugen“.