23. Oktober 2017

Urne löst immer mehr den Sarg ab

Quelle: idea.de

Die meisten Verstorbenen werden inzwischen eingeäschert. Foto: Pixelio/Stihl024

Die meisten Verstorbenen werden inzwischen eingeäschert. Foto: Pixelio/Stihl024

Königswinter/Hannover/Erlangen (idea) – Bei den Bestattungen in Deutschland löst die Urne immer mehr den Sarg ab. 55 Prozent der Verstorbenen werden inzwischen eingeäschert. Vor 15 Jahren wurde der Anteil noch auf ein Drittel geschätzt.
 

Das teilte Verbraucherinitiative Aeternitas (Königswinter bei Bonn) mit. Sie untersuchte die Zahlen von 660 Kommunen mit zusammen 340.000 Bestattungen – knapp 40 Prozent aller Todesfälle pro Jahr in Deutschland. Kirchliche Friedhofsträger wurden nicht berücksichtigt. Auffällig ist nach Angaben von Aeternitas das große Ost-West-Gefälle. Im Osten Deutschlands liege der Anteil der Feuerbestattungen bei über 80 Prozent. Auch im Norden würden verhältnismäßig viele Verstorbene eingeäschert, während im Süden die Bestattung im Sarg noch stark vertreten sei. Aber auch in den katholisch geprägten Regionen liege die Feuerbestattung inzwischen gleichauf mit der Erdbestattung. Nach Angaben von Aeternitas-Sprecher Alexander Helbach hat diese Entwicklung vor allem finanzielle Gründe. Die Kosten für eine Bestattung im Sarg samt Grabgebühren lägen häufig um ein Vielfaches höher als bei einer Urnenbestattung. Außerdem habe die Bindung an die christliche Tradition der Beisetzung im Sarg nachgelassen. Im Christentum wurde die Feuerbestattung jahrhundertelang abgelehnt. Dies wurde damit begründet, dass es eine Missachtung des Willen Gottes sei, den Körper durch Feuer zu zerstören. Durch die Aufklärung im 19. Jahrhundert kam diese vorchristliche Bestattungsform wieder in Mode. Die römisch-katholische Kirche verbot 1886 die Verbrennung von Leichen. Dort ist die Einäscherung erst seit 1963 offiziell erlaubt.

Wie Theologen die Entwicklung bewerten

Der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach (Hannover), sieht im wachsenden Anteil der Feuerbestattungen „kein theologisches Problem“. Die evangelischen Kirchen hätten diese Bestattungsform bereits Anfang des 20. Jahrhunderts akzeptiert, sagte er gegenüber idea. Als problematischer werte die Kirche dagegen die Zunahme anonymer Bestattungen, bei denen auf Wunsch des Verstorbenen auf jede Namensnennung an der Grabstelle verzichtet wird. Es bedeute einen Verlust an Abschiedskultur, „wenn Menschen sang- und klanglos aus der Welt gehen“ und niemand mehr Notiz davon nehme. Der Theologieprofessor und Seelsorger Manfred Seitz (Erlangen) sagte auf idea-Anfrage: „Ich persönlich ziehe eine Erdbestattung einer Feuerbestattung vor.“ Er begründete dies damit, dass auch Jesus Christus begraben worden sei. Außerdem heiße es in der Bibel: „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden“ (1.Mose 3,19). Eine Feuerbestattung steht laut Seitz jedoch nicht in Widerspruch zum christlichen Glauben: „Die Begräbnisart hat keine Auswirkung auf die Auferstehung.“