21. Oktober 2017

Lebensmittel als Treibstoff?

Quelle: idea.de

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

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Schwerte/Schwäbisch Hall/Stuttgart (idea) – Dem Biobenzin E10 stehen evangelische Agrar- und Umweltexperten skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dahinter steht unter anderem die Frage: Darf man Lebensmittel als Treibstoff nutzen? Bio-Ethanol wird in Europa vor allem aus Weizen, Roggen oder Zuckerrüben gewonnen, weltweit meist aus Mais und Zuckerrohr.
 

Der zunehmende Anbau von Nahrungsmittelpflanzen zur Energiegewinnung könnte den Hunger in armen Entwicklungsländern verstärken, befürchten Kirchenexperten. Statt dem Benzin mehr Bio-Ethanol beizumischen, um die Umwelt zu schonen, sollten die Industriestaaten ihren Energieverbrauch senken. Der Bioanteil im Benzin soll den Ausstoß des sogenannten Treibhausgases Kohlendioxid, das für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht wird, im Vergleich zum Mineralöl um mindestens 35 Prozent verringern. Im Superbenzin E10 sind zehn Prozent Bio-Ethanol – statt bisher fünf Prozent – enthalten. Alle EU-Mitgliedsstaaten sollen den neuen Treibstoff bis Ende 2010 einführen. In Deutschland ist er jedoch zum Ladenhüter geworden, weil die Autofahrer Schäden an Motoren befürchten. Bei einem „Benzingipfel“ am 8. März in Berlin hatten sich Bundesregierung, Wirtschaft und Automobilverbände verständigt, die Verbraucher besser über die Verträglichkeit von E10 aufzuklären.

Benzin fressende Autos sind „Dinosaurier“

Gegen das Biobenzin spricht sich der Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen, Klaus Breyer (Schwerte), aus: „Sprit vom Acker führt auf den Holzweg.“ Wer die Erderwärmung stoppen wolle, nachhaltig handele und sich für Gerechtigkeit in der globalen Ernährung einsetze, sollte nicht vorrangig Biobenzin fördern, sondern den Autobauern Grenzen setzen, so der frühere westfälische Umweltpfarrer. Ein langsameres Tempo und weniger Kilometer erreichten mehr für den Klimaschutz. Längst wären Fahrzeuge herstellbar, die deutlich weniger Kohlendioxid in die Luft blasen. Breyer: „Politik und Automobilindustrie sollten den Blick von den Benzin fressenden Luxuskarossen abwenden. Sie gehören wie Dinosaurier der Vergangenheit an.“ Der westfälische Präses Alfred Buß (Bielefeld) hatte sich schon vor vier Jahren gegen die Energiegewinnung aus Nahrungs- und Futtermitteln gewandt. Diese Auffassung vertrete er weiterhin, sagte Pressesprecher Andreas Duderstedt (Bielefeld) der Evangelischen Nachrichtenagentur idea auf Anfrage.

EKD-Agrarbeauftragter: „Maßvoll“ handeln

In Deutschland werde etwa 1,4 Prozent der Agrarfläche zum Anbau von Pflanzen zur Bioenergiegewinnung genutzt, teilte der Agrarbeauftragte der EKD, Clemens Dirscherl (Waldenburg bei Schwäbisch Hall), idea auf Anfrage mit. Probleme sieht er vor allem, wenn der Biobenzinbedarf wachse, die heimischen Anbauflächen größer würden und als Folge Biorohstoffe aus Entwicklungsländern importiert werden. Wenn man zum Beispiel mehr Soja aus Brasilien als Futtermittel einführe, sei zu befürchten, dass dort zusätzlich Wälder gerodet würden. Andererseits eigneten sich die Reststoffe, die bei der Bioethanolherstellung anfallen, auch als hochwertige Futtermittel. Entscheidend sei für ihn, so Dirscherl, dass man „maßvoll“ vorgehe. Er hält es aus christlicher Sicht für legitim, Nahrungsmittelpflanzen zur Energiegewinnung zu nutzen. Wie schon der Reformator Martin Luther (1483-1546) betont habe, beziehe sich die Bitte „Unser täglich Brot gib und heute“ im Vaterunser nicht nur auf Nahrung, sondern auf alle Bedürfnisse des menschlichen Lebens. So pflanze man von jeher auch Hafer als Futter für Zugtiere an – also auch als Energieträger für den Transport. Die EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung hatte sich Ende September 2008 dafür ausgesprochen, Pflanzen nicht vorrangig zur Energiegewinnung zu nutzen, sondern die Ernährung sicherzustellen.

„Bruchlandung“ bei E10-Einführung

Nach Ansicht des evangelischen Hilfswerks „Brot für die Welt“ (Stuttgart) sollte die „Bruchlandung“ bei der Einführung von E10 genutzt werden, um die Quote für die Beimischung von Bio-Ethanol zu hinterfragen. Derzeit könne sie nur durch Importe aus Entwicklungsländern erreicht werden. Das heize den Welthandel mit Biomasse an und gefährde die Ernährung in armen Ländern, so Klaus Seitz, Leiter der Abteilung „Politik und Kampagnen“ von „Brot für die Welt“. In einer Presseerklärung vom 8. März beklagt er auch die Flächenkonkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln. Das heißt: Wenn sich der Handel mit Biokraftstoffen lohnt, kaufen Konzerne große Felder zum Anbau von Zuckerrohr, Sojabohnen oder Ölpalmen für die Energiegewinnung auf. Bauern haben das Nachsehen. Wie ein Flächenbrand dehnten sich solche Monokulturen in Afrika, Asien und Lateinamerika aus. „Brot für die Welt“ plädiert ebenfalls dafür, den Ausstoß von Treibhausgasen durch einen geringeren Energieverbrauch zu senken.