23. Oktober 2017

Japaner tun sich schwer, Hilfe aus dem Ausland anzunehmen

Quelle: idea.de

Weltweite Solidarität der Christen für die Menschen in Not. Foto: flickr.com / dugspr

Weltweite Solidarität der Christen für die Menschen in Not. Foto: flickr.com / dugspr

Tokio/Wetzlar (idea) – Christen aus aller Welt wollen den notleidenden Menschen in Japan helfen, doch viele Japaner tun sich schwer, Hilfe aus dem Ausland anzunehmen.
 

Darauf hat der Öffentlichkeitsreferent der Überseeischen Missionsgemeinschaft (ÜMG), Joachim König (Mücke bei Gießen), gegenüber idea hingewiesen. Mit 120 Missionaren aus aller Welt, darunter zehn aus Deutschland, ist die ÜMG eines der größten Missionswerke in Japan. Nach Königs Worten können nur die wenigen einheimischen Christen dieses Dilemma lösen. Wenn sie Hilfsgüter aus dem Ausland an Betroffene weiterreichten, gebe es keine Missklänge. Acht ÜMG-Missionare aus Australien, England, Kanada und der Schweiz sind von der Insel Hokkaido im Norden Japans für ein halbes Jahr in die mit am schwersten von dem Erdbeben und dem Tsunami betroffene Großstadt Sendai umgezogen, um den Menschen in den Nothilfequartieren beizustehen. Die Missionare arbeiten dort ausschließlich mit einer kleinen einheimischen Kirchengemeinde zusammen. Etwa 1,5 Prozent der 127 Millionen Japaner sind Christen. Die meisten Einwohner sind Buddhisten oder Schintoisten.

Missionszentrale wurde Notquartier

Die Stiftung Marburger Mission hatte kurzentschlossen zehn Tage lang ihre Missionszentrale in Kobe 500 Kilometer südlich von Tokio in ein Nothilfequartier umgewandelt und dort 18 Kinder aus Tokio in sehr beengten Verhältnissen betreut. Sie sind inzwischen aber nach Tokio zurückkehrt, weil dort die Abschlussfeiern der Schulen stattfinden, die sie nicht verpassen wollen. Wie Missionsreferent Wolfgang Winkler (Marburg) idea sagte, hoffe man, in Zukunft auch Flüchtlinge direkt aus dem Katastrophengebiet im Nordosten aufnehmen zu können. Man habe den Regierungsstellen, die Flüchtlinge verteilen, eine entsprechende Nachricht zukommen lassen. Auch das Freizeitcamp der Mission in Karuizawa bei Nagano im Zentrum Japans bereite sich vor, 60 Flüchtlinge aufzunehmen.

Gottesdienst bei Fukushima

Auch die Baptisten haben die Verwaltungszentrale der Japan Baptist Convention in Saitama bei Tokio geöffnet, um dort vor allem Schwangere und Mütter mit kleinen Kindern aus der Region um das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima zu betreuen. In Japan gibt es vier verschiedene Baptistenbünde. Noch immer habe man nicht in Erfahrung bringen können, wie viele Angehörige der Kirche bei der Naturkatastrophe ums Leben gekommen seien, so die Baptist Convention. Die sieben Kirchengebäude direkt im Krisengebiet seien durch das schwere Erdbeben und den Tsunami nur leicht beschädigt worden, doch einige Gemeindemitglieder würden noch vermisst. Der Baptistenpastor Makito Suzuki aus Koryama bei Fukushima berichtete in einer E-mail, dass die Menschen einerseits zwar sehr besorgt wegen der hohen Radioaktivität in der Region seien, dennoch wollten die meisten zu Hause ausharren und sich nicht evakuieren lassen. Der jüngste Sonntagsgottesdienst habe 27 Besucher gezählt, so viele wie vor der Katastrophe. Der Generalsekretär der Japan Baptist Convention, Makoto Kato, verwies darauf, dass alle Baptistenbünde in Japan gemeinsam ein Krisenzentrum eingerichtet hätten, um die Hilfsaktionen besser koordinieren zu können. Noch immer sei es problematisch, Hilfsgüter direkt zu den Notleidenden vor Ort zu transportieren, weil viele Straßen unpassierbar seien.

Die Bedeutung der Ahnen-Gräber

Die Allianz-Mission (Dietzhölztal/Mittelhessen) bestätigte, dass es ihren Missionaren und Mitgliedern der von ihnen betreuten Gemeinden gelungen sei, mit drei Hilfstransporten von Nagoya im Süden des Landes in das Katastrophengebiet zu gelangen. Die Waren dort seien bisher in einem christlichen Kindergarten zwischengelagert worden. Doch der nehme nun wieder seinen Betrieb auf. Wo man die Güter dann lagern könne, wisse man noch nicht, teilte Direktor Erhard Michel idea als Gebetsanliegen mit. Ein großes Problem sei zudem die Kälte. Die Nothilfequartiere würden nur spärlich oder gar nicht beheizt. Viele vor allem ältere Japaner wollten die Krisengebiete nicht verlassen, weil sie die Gräber ihrer Ahnen nicht sich selbst überlassen wollten. Groß sei auch die Sorge um das Schicksal der immer noch rund 14.000 Vermissten, die vermutlich ums Leben gekommen sind. Wenn sie nicht traditionell bestattet würden, könnten ihre Geister in der Vorstellung der Überlebenden nicht zur Ruhe kommen. Neben der äußeren Not belasteten diese Gedanken die Menschen zusätzlich, so Michel.

Baptisten: Not nicht evangelistisch missbrauchen

Unterdessen hat der Generalsekretär der Europäischen Baptistischen Föderation, der Engländer Tony Peck (Prag), dazu aufgerufen, die Katastrophe in Japan nicht zu evangelistischen Zwecken zu missbrauchen. Wenn Grundlagen des Lebens „massiv ins Wanken“ gerieten und Menschen deshalb ihre Prioritäten und Werte neu ordneten, sollten Christen jedoch bereit sein, über ihre persönliche Hoffnung Rechenschaft abzulegen. Evangelistische Aktionen seien angesichts der Not jedoch unangemessen, so Peck in einem Beitrag für das Magazin „Die Gemeinde“ (Kassel). Kritisch äußert er sich auch zur weiteren Nutzung der Nukleartechnik. Sie habe manche Vorteile, doch im Falle einer Katastrophe seien Hunderttausende betroffen: „Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich als Christ dieses Risiko noch befürworten kann.“ Besser sei es, die gottgegebenen Gaben wie Wind und Wasser zur Energiegewinnung zu nutzen.