18. Oktober 2017

Gehört der Islam zu Deutschland?

Quelle: idea.de

Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich - Foto: © Henning Schacht

Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich - Foto: © Henning Schacht

Berlin (idea) – Gehört der Islam zu Deutschland? Über diese Frage ist erneut eine Debatte in Politik und Kirche entbrannt. Auslöser ist die Äußerung des neuen Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich (CSU), die hierzulande lebenden Muslime gehörten zwar zu Deutschland, aber nicht „der Islam“. Das lasse sich „auch aus der Historie nirgends belegen“. Friedrich wiederholte damit seine Kritik an der Aussage von Bundespräsident Christian Wulff, der Islam sei Teil Deutschlands.
 

Friedrichs Äußerungen wurden nicht nur von der Opposition, sondern auch von Politikern der Regierungskoalition sowie Kirchenvertretern zurückgewiesen. Er bekräftigte jedoch seine Haltung und sagte: „Erfolgreiche Integration setzt beides voraus: Wissen um die gesellschaftliche Realität in Deutschland – zu der rund vier Millionen Muslime gehören – und ein klares Bewusstsein für die christlich-abendländische Herkunft unserer Kultur.“ Kritik an Friedrich kam vom EKD-Ratsvorsitzenden, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf). „Durch den Glauben der Muslime in Deutschland ist auch der Islam da“, sagte er der „Frankfurter Rundschau“. Als organisierte Religion und gesprächsfähiger Partner sei der Islam aber „noch sehr am Anfang“. Auch der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge (Berlin), ging auf Distanz zu den Äußerungen des Bundesinnenministers.

Konservative Protestanten stützen Friedrich

Rückendeckung erhält er hingegen von zwei führenden theologisch konservativen Protestanten. Der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), stimmt Friedrich „uneingeschränkt“ zu. „Christentum und Islam dürften nicht auf eine Stufe gestellt werden …, gerade in diesen Tagen, wo der einzige christliche Minister Pakistans von Islamisten ermordet wird, wo Christen in islamisch geprägten Ländern zunehmend verfolgt und benachteiligt werden, wo die westliche Welt von islamistischem Terror bedroht wird, wo amerikanische Soldaten in unserem Land aufgrund islamistischen Terrors ihr Leben lassen“, erklärte Rüß. Zu einer gelingenden Integration gehöre neben der Kenntnis der deutschen Sprache auch ein Wissen um die Wurzeln der christlich-abendländischen Kultur.

Zwischen Religion und Tradition unterscheiden

Ähnlich äußerte sich der designierte Direktor des Evangelischen Allianzhauses im thüringischen Bad Blankenburg, der Theologe Thomas Günzel (Leipzig). Christen und Muslime müssten sich begegnen und öfter miteinander sprechen, damit die Integration besser gelinge. Dabei sehe er noch Defizite, etwa wenn muslimische Mädchen nicht am schulischen Sport- und Schwimmunterricht teilnähmen. Günzel: „Es gibt viele Gelehrte im Islam, die zwischen Religion und Tradition unterscheiden. Es wäre gut, wenn muslimische Eltern in unserem Land dies bei ihrer Haltung berücksichtigen würden.“ Sorgen macht er sich um Christen in islamisch geprägten Ländern. Er hoffe, dass die gegenwärtigen Veränderungen in der islamischen Welt zu Erleichterungen führen.

Kauder: Islam hat Deutschland nicht geprägt

Der Bundespräsident wiederholte seine Aussage. „Der Islam ist ein Teil von Deutschland“, sagte er dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira. Man dürfe nicht zulassen, dass diese Religion automatisch mit Terrorismus in Verbindung gebracht werde. Die Union ist in der Kontroverse gespalten zwischen Friedrich und Wulff. Ihr Fraktionschef im Bundestag, Volker Kauder (CDU), unterstützt den CSU-Politiker. Zwar gehörten die Muslime zu Deutschland, sagte Kauder der „Passauer Neuen Presse“, aber: „Der Islam hat unsere Gesellschaft nicht geprägt und prägt sie auch heute nicht. Der Islam gehört damit nicht zu Deutschland.“ Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte im Bayerischen Fernsehen, Deutschlands Geschichte und Kultur seien eindeutig christlich geprägt. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe meinte im „Bericht aus Berlin“ der ARD, mit den Menschen muslimischen Glaubens gehöre zwar auch ihre Religion zu Deutschland: „Gleichzeitig ist dieses Land in einzigartiger Weise christlich geprägt. Historisch hat es eine vergleichbare Prägung durch den Islam nicht gegeben.“ Hingegen stellte sich der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Auswärtige Angelegenheiten, Ruprecht Polenz (CDU), hinter die Aussage des Bundespräsidenten. „Es passt nicht, wenn man sagt, eine Weltreligion gehöre nicht zu Deutschland“, sagte Polenz der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Andernfalls müssten vier Millionen Muslime das Gefühl haben, ihre Religion sei nicht anerkannt.

Bundesjustizministerin gegen Ausgrenzung

Auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) widersprach Friedrich: „Der Islam gehört selbstverständlich zu Deutschland.“ Sie riet ihrem neuen Kabinettskollegen, sich wie seine Vorgänger für den Zusammenhalt der Gesellschaft einzusetzen. Der FDP-Innenexperte Hartfrid Wolff erklärte: „Der Islam ist seit mehreren Generationen ein realer Teil Deutschlands.“ Historische Debatten hülfen bei den aktuellen Fragen der Integration wenig weiter. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sprach von einem Fehlstart Friedrichs ins neue Amt. Auch Grüne und Linke kritisierten Friedrichs Äußerung.

Muslime: Realitätsverweigerung

Kritik kam ferner von Vertretern muslimischer Verbände. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek (Köln), warf dem Minister Realitätsverweigerung vor: „Europa hat eine ganze Reihe von eindeutigen historischen Bezügen zum Islam und der islamischen Welt.“ Muslime seien eine nicht mehr wegzudenkende gesellschaftliche Gruppe. Der Vorsitzende des deutschen Islamrats, Ali Kizilkaya (Köln), sagte, Friedrich habe die Islamkonferenz, für die er zuständig ist, in Verruf gebracht. Der Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat (Berlin), erklärte, Friedrichs Äußerungen hätten für große Enttäuschung unter den islamischen Verbänden gesorgt.