24. Oktober 2017

Entsetzen über Mord an christlichem Minister

Quelle: idea.de

Minister für religiöse Minderheiten, Shahbaz Bhatti, auf offener Straße ermordet.

Minister für religiöse Minderheiten, Shahbaz Bhatti, auf offener Straße ermordet.

Islamabad/Berlin (idea) – Entsetzen in Kirche und Politik herrscht nach der Ermordung des einzigen Christen in der pakistanischen Regierung. Am 2. März wurde der Minister für religiöse Minderheiten, Shahbaz Bhatti, auf offener Straße ermordet. Nach Polizeiangaben schossen am Morgen drei Männer auf den Politiker, als er in seinem Wagen auf dem Weg zur Arbeit war.
 

Die Täter hätten zunächst den Fahrer und die Nichte des Ministers aus dem Auto gezerrt und dann auf den Wagen gefeuert. Der Katholik, der laut Polizei von zehn Kugeln getroffen wurde, starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Zu dem Mord bekannte sich eine Gruppe der radikal-islamischen Taliban aus der Provinz Punjab. Bhatti hatte eine Änderung des Blasphemiegesetzes gefordert und deshalb Morddrohungen erhalten. Es sieht die Todesstrafe für jeden vor, der den Propheten Mohammed beleidigt. Bhatti hatte kritisiert, dass das Gesetz missbraucht werde, „um persönliche Rechnungen zu begleichen“. In Interviews hatte der Politiker zu den Todesdrohungen erklärt, er sei notfalls bereit, für seine Haltung zu sterben.

EKD: Minderheiten verlieren Hoffnungsträger

Kirchenvertreter und Politiker in Deutschland verurteilten den Anschlag. Die religiösen Minderheiten in Pakistan verlören einen Hoffnungsträger, so der EKD-Auslandsbischof Martin Schindehütte (Hannover). Er befürchtet, dass der Anschlag den Unfrieden zwischen den Religionen weiter schüren und den Druck der islamischen Fundamentalisten auf die Regierung erhöhen solle. Der Bischof forderte die pakistanische Regierung auf, sich von solchen Attentaten nicht einschüchtern zu lassen und die Minderheiten im Land besser zu schützen. Die Europäische Union und die Bundesregierung sollten noch entschiedener für die Menschenrechte und die Religionsfreiheit in Pakistan eintreten. Schindehütte: „Der religiöse Terror darf nicht das letzte Wort haben.“

Westerwelle fordert Schutz für Minderheiten

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) reagierte mit „großer Bestürzung“. Bhatti habe sich mit „großem persönlichen Mut“ für die Rechte von Minderheiten eingesetzt. Nun müsse alles getan werden, „um die Schuldigen für dieses brutale Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen und den Schutz aller Religionsgruppen in Pakistan einschließlich der Christen sicherzustellen“. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe würdigte den Ermordeten als „leidenschaftlichen Kämpfer für die Menschenrechte“. Bei den Begegnungen mit Bhatti sei er von dessen Glauben und Mut beeindruckt gewesen. Gröhe richtete an die Regierung in Islamabad die Erwartung, dass sie sich für den Schutz der Minderheiten –­ vor allem der Christen – einsetze: „Der Terrorismus extremer Kräfte darf keinen Erfolg haben.“ Die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach, sagte: „Der Tod von Shahbaz Bhatti zeigt die menschenverachtende Ideologie der Islamisten.“ Das grausame Verbrechen mahne: „Das Engagement für Religionsfreiheit und religiöse Toleranz bleibt oberstes Gebot.“

SPD: Alarmierendes Signal

Auch die SPD-Bundestagsfraktion verurteilte die Tat. Die Ermordung Bhattis sei ein „alarmierendes Signal für das Abdriften der Nuklearmacht Pakistan in Richtung eines Landes, in dem radikal-islamische Kräfte die politische Stimmung prägen und sich zunehmend das Klima der Angst ausbreitet“, so die Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion, Petra Ernstberger und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gernot Erler. Die Europäische Union und die Bundesregierung müssten die Regierung in Islamabad unmissverständlich dazu auffordern, dafür Sorge zu tragen, dass die Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung nicht mit dem Leben bezahlt werden müsse. Nach Meinung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM/Frankfurt am Main) ist Bhatti Opfer einer systematischen Kampagne zur Einschüchterung liberaler und fortschrittlicher Kräfte geworden. Am Tatort seien Flugblätter gefunden worden, die zur Ermordung all derer aufrufen, die sich für eine Änderung des Blasphemiegesetzes einsetzen.

Christen in Pakistan reagieren mit Gebet

Wie die IGFM aus pakistanischen Kirchenkreisen erfuhr, haben sich Bischöfe und viele Christen nach Bekanntwerden der Tat zum Gebet in die Kirchen zurückgezogen. Die IGFM befürchtet, dass es auch zu Anschlägen auf Kirchenleiter kommen könnte. Menschenrechtler und gemäßigte Politiker seien ebenfalls in höchstem Maße gefährdet. Die Menschenrechtsorganisation sorgt sich auch um die Christen, die wegen angeblicher Beleidigung Mohammeds inhaftiert sind. Sie ruft die pakistanische Regierung auf, die Sicherheit der Gefangenen zu gewährleisten. Von den 173 Millionen Einwohnern Pakistans sind etwa 95 Prozent Muslime, zwei Prozent Christen, zwei Prozent Hindus und der Rest Sikhs, Buddhisten und Anhänger anderer Religionen.

Todesurteil gegen Christin

Seit Inkrafttreten des Blasphemiegesetzes 1991 wurden über 650 Christen wegen eines oft unbegründeten Verdachts angeklagt. Zur Vollstreckung von Todesurteilen kam es bisher aber nicht. Am 8. November war die Christin Asia Bibi zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Arbeitskolleginnen hatten sie beschuldigt, den Islam beleidigt zu haben. Das Höchste Gericht in der ostpakistanischen Provinzhauptstadt Lahore überprüft das Urteil. Papst Benedikt XVI. hat sich für die Freilassung Bibis eingesetzt. Die IGFM und die Nachrichtenagentur idea hatten die Frau im Oktober 2009 als „Gefangene des Monats“ benannt und zur Unterstützung für sie aufgerufen. Im Januar wurde der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, ermordet, der sich für Frau Bibi eingesetzt hatte. Attentäter war ein Leibwächter des Politikers. Als Motiv gab er die kritische Haltung des Gouverneurs zum Blasphemiegesetz an. Aus Protest gegen dieses Gesetz hatte sich 1998 der katholische Bischof John Joseph öffentlich erschossen. Pakistan gehört zu den Ländern, in denen Christen am stärksten verfolgt werden. Auf dem Weltverfolgungsindex des Hilfswerks Open Doors steht das Land auf Platz 11. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auf Christen. Im vergangenen Jahr zündeten muslimische Extremisten den Familienvater Arshed Masih aus Rawalpindi bei lebendigem Leib an, weil er sich geweigert hatte, zum Islam überzutreten. Der Mann erlag seinen schweren Verletzungen. Ebenfalls 2010 wurden sechs einheimische Mitarbeiter des christlich-humanitären Hilfswerks World Vision im Mansehra-Distrikt, 65 Kilometer nördlich von Islamabad, ermordet.