18. November 2017

Gegen „männliche Monokulturen“

Quelle: idea.de

Gerd Altmann/AllSilhouettes.com / pixelio.de

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Hannover/Stuttgart/Hamburg (idea) – In Deutschland ist eine heftige Debatte um eine Frauenquote in Führungsgremien entbrannt. Sie findet auch in der evangelischen Kirche Widerhall. Sympathie für eine Quotenregelung hegt der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf). Er wendet sich gegen „männliche Monokulturen“ auf Leitungsebenen. Hingegen warnen theologisch Konservative vor Gleichmacherei.
 

Ausschlaggebend für die Besetzung von Kirchenämter sollten die von Gott gegebenen Talente sein und nicht das Geschlecht. Die EKD hatte schon 1989 bei der Synode in Bad Krozingen (Südbaden) Leitlinien für eine ausgewogene Besetzung ihrer Leitungsgremien und Einrichtungen beschlossen, doch hat auch sie das bereits für 1999 ins Auge genommene Ziel eines 40-prozentigen Frauenanteils teilweise immer noch nicht erreicht. Nach den Rücktritten von Margot Käßmann und Maria Jepsen im vergangenen Jahr amtiert in den 22 evangelischen Landeskirchen nur eine Bischöfin: Ilse Junkermann (Magdeburg) steht an der Spitze der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Zudem wird eine Freikirche von einer Frau geleitet: Rosemarie Wenner (Frankfurt am Main) ist Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche. In der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen gibt es keine Kirchenleiterinnen, weil das Priesteramt Männern vorbehalten ist.

CDU-Ministerinnen rügen Wirtschaft

Große Kontroversen haben die CDU-Bundesministerinnen Kristina Schröder (Familie) und Ursula von der Leyen (Arbeit) mit ihren Vorstößen ausgelöst. Sie wollen die Zahl der Frauen im Spitzenmanagement der großen Unternehmen steigern – freilich auf verschiedenen Wegen. Schröder setzt auf eine verbindliche Selbstverpflichtung der Wirtschaft; von der Leyen möchte eine Frauenquote von 30 Prozent in Vorständen und Aufsichtsräten gesetzlich festlegen. Vor zehn Jahren beschlossene freiwillige Vereinbarungen hätten nichts gebracht: Damals habe der Frauenanteil in Führungspositionen der deutschen Unternehmen bei 2,5 Prozent gelegen; heute seien es drei Prozent. Das sei „ein lächerlicher Zuwachs“, so von der Leyen.

Schneider: Es gibt genug qualifizierte Frauen

Gegen Kritik an der Frauenquote wendet sich der EKD-Ratsvorsitzende. Schneider: „Wenn Vorstände und Leitungsgremien aus männlicher Monokultur bestehen, ist das nicht nur ungerecht sondern oft auch schädlich.“ Seit langem sei bekannt, dass Gremien bessere Ergebnisse erzielten, wenn sie unterschiedliche Talente und vielfältige Erfahrungen in ihrer Mitte versammeln. Wenn Appelle und Selbstverpflichtungen ungehört verhallten, bleibe die Quote ein wirksamer Ausweg. Für einen Mythos hält Schneider das Argument, es gebe nicht genug qualifizierte Frauen. Allerdings müsse man den Blick weiten: „Wer spurgerade, maßgeschneiderte Karrieren und ungebrochene Erwerbsbiographien zum Maßstab macht, grenzt viele Frauen faktisch aus.“ In vielen Gremien der evangelischen Kirche sei es gelungen, mindestens einen Frauenanteil von 40 Prozent zu erzielen. Das gilt beispielsweise für den Rat der EKD; dort sind sieben von 15 Mitgliedern Frauen. In der Synode, der Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) vorsteht, sind 57 von 126 Mitgliedern weiblich.

EKD-Einrichtungen: Nur „unten“ sind Frauen in der Mehrheit

Das gilt jedoch nicht für alle Dienststellen, Einrichtungen und Werke der EKD. Wie aus einem im November 2010 vorgelegten Bericht des EKD-Kirchenamts hervorgeht, sind zwar Frauen auf den unteren Ebenen überproportional vertreten, aber an der Spitze immer noch weit in der Minderheit. Die Studie stützt sich auf 35 Dienstellen, Einrichtungen und Werke mit fast 1.700 Beschäftigten. Davon sind 65 Prozent Frauen. Doch den Vorsitz in Leitungs- und Beratungsgremien haben zu 63 Prozent Männer inne. Im einfachen Dienst sind 84 Prozent Frauen beschäftigt, im höheren 43 Prozent. Die EKD-Synode 2010 in Hannover hat den Rat der EKD um Vorschläge für eine wirksame Förderung der Gleichstellung gebeten. Das Leitungsgremium wird sich in seiner Februar-Sitzung mit diesem Thema beschäftigen. Schneider versichert: „Wir werden gezielte Anreize schaffen und die Verbindlichkeit erhöhen.“

Allianz-Generalsekretär: Menschenverachtende Gleichmacherei

Kritik an Quotenregelungen kommt aus theologisch konservativen Kreisen. Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), sagte auf Anfrage von idea, die Forderungen nach Frauen- und Männerquoten gingen „auf dem Weg der berechtigten Gleichberechtigung zur menschenverachtenden Gleichmacherei weiter“. Steeb: „Da werden falsche Bewertungen zementiert, dass etwa der Chefsessel im Dax-Unternehmen wichtiger wäre als der Mutterberuf zu Hause.“ Viel wichtiger wäre es, solche Tätigkeiten aufzuwerten. Wo anstelle von Gaben, Begabungen und Befähigungen die Frage nach der geschlechtlichen Zugehörigkeit trete, würden nur neue Diskriminierungen geschaffen. Das sei das Gegenteil von Menschlichkeit und Fortschritt. Unter Evangelikalen gibt es zwar keine Quotenregelungen, doch werden Frauen vielfach zur Übernahme von Leitungsverantwortung ermuntert. Von den 46 Mitgliedern im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz sind neun Frauen.

Rüß: Kritik an Gender Mainstreaming

Der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), erhebt Bedenken gegen eine Frauenquote in der Kirche. Bei der Besetzung von Ämtern gehe es um Kompetenz, Neigung und Qualifikation. Ausschlaggebend müssten die von Gott verliehenen Begabungen sein und nicht die Ausgewogenheit nach Geschlecht, sagte Rüß gegenüber idea. Er wandte sich gegen eine Gleichmacherei der Unterschiede zwischen Mann und Frau, wie sie die Ideologie des Gender Mainstreaming betreibe. Gott habe Mann und Frau gleichwertig, aber unterschiedlich geschaffen. Diese reizvolle Pluralität dürfe nicht ideologischen Vorstellungen geopfert werden.