21. November 2017

Erdogan & die Integration von Türken

Quelle: idea.de

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Düsseldorf (idea) – Auf Widerspruch von Christen, Politikern und Menschenrechtsgruppen sind die Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan (Ankara) zur Integration der rund drei Millionen Türken in Deutschland gestoßen. Kritik gibt es auch am Umgang der Türkei mit der christlichen Minderheit im eigenen Land.
 

Erdogan wandte sich am 27. Februar in Düsseldorf in einer Rede vor rund 10.000 Landsleuten gegen eine allzu starke Anpassung der Türken in Deutschland: „Ich sage Ja zur Integration, aber ich bin gegen Assimilation.“ Er fügte hinzu: „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen.“ Zugleich warnte er vor einer wachsenden Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Ferner stelle er eine zunehmend negative Stimmung gegen den Islam fest: „Islamophobie ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, genauso wie Rassismus.“ Auf scharfe Kritik stieß Erdogans Warnung vor Assimilation bei CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Der Ministerpräsident habe den Integrationsbemühungen „einen Bärendienst“ erwiesen und unnötig Misstrauen geschürt. Gröhe: „Integration gelingt nicht besser, wenn sich Deutsche mit türkischer Herkunft aus Angst vor vermeintlichem Anpassungsdruck einem offenen Austausch und guten Miteinander verweigern.“ Wenn Erdogan für den Vorrang der türkischen Sprache werbe, schaffe er neue Gräben: „Wer in Deutschland lebt, muss zuallererst die deutsche Sprache erlernen.“

Islam-Experte: Mütter müssen Deutsch lernen

Ähnlich argumentiert der Sprecher des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz, Ulrich Neuenhausen (Bergneustadt). Der Leiter von „Forum Wiedenest“ sagte gegenüber idea, es sei dringend nötig, dass besonders die in Deutschland lebenden Frauen türkischer Familien Deutsch lernten. Ihre hierzulande geborenen Kinder hätten keine Chancengleichheit, wenn die Mütter ihnen nicht bei den Hausaufgaben helfen könnten. Neuenhausen bedauerte ferner eine freiwillige Ghettoisierung vieler Türken in Deutschland. Man schirme sich ab, um die eigene Kultur zu bewahren. Dadurch werde die heranwachsende Generation zwischen der Heimatkultur zu Hause und der Freiheit der übrigen Gesellschaft zerrissen. Neuenhausen mahnte aber auch ein Umdenken in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft an. Er vermisse ein Verständnis dafür, dass Menschen – Muslime wie Christen – ihre Werte und Lebensgrundlagen aus der Religion schöpfen.

IFGM: Kurdisch und Aramäisch sind verboten

Kritik an Erdogans Rede übte auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IFGM). Erdogan fördere Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen in Deutschland, wenn er der türkischen Sprache einen Vorrang vor Deutsch einräume. Mangelnde Sprachkenntnisse erschwerten den Zugang zum Bildungssystem, so IGFM-Sprecher Martin Lessenthin (Frankfurt am Main). Gegenüber idea machte er darauf aufmerksam, dass in der Türkei nur Türkisch erlaubt sei und die Ausübung anderer Sprachen bestraft werde, etwa Kurdisch oder Aramäisch, die Sprache Jesu Christi.

Kauder fordert volle Religionsfreiheit in der Türkei

Bereits vor Erdogans Deutschlandbesuch war die Debatte über den angestrebten Beitritt der Türkei zur EU neu entfacht worden. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder forderte, die EU müsse die Verhandlungen stoppen, solange die Türkei nicht volle Religionsfreiheit gewährleiste. Die Türkei müsse sich dabei an Taten messen lassen, sagte er der Zeitung „Rheinische Post“. Der CDU-Politiker verwies auf die Enteignung von Grundstücken des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel in Anatolien. Es wurde im Jahr 397 gegründet und gehört zu den ältesten Klöstern der Christenheit. Das Oberste Gericht in Ankara hatte große Landflächen, die seit Jahrhunderten im Besitz des Klosters sind, der staatlichen Forstbehörde zugesprochen. Die Türkei verhandelt seit 2005 über einen Beitritt zur EU.

Kontroverse um enteignetes Kloster

Die Bewegung „Assyrisch Demokratische Organisation“ kritisiert das Vorgehen der türkischen Behörden gegen das Kloster scharf: „Die Christen besitzen keinerlei Rechte und werden als Bürger zweiter Klasse behandelt.“ Durch die Enteignung des Klosters würden die syrisch-orthodoxen Christen ihrer letzten geistlichen Zufluchtsstätte beraubt. Es sei damit zu rechnen, dass durch die Umwandlung des Klosters in ein Museum das Christentum in der Südosttürkei ausgelöscht werde. Noch Anfang der siebziger Jahre lebten rund 250.000 Aramäer in der Region, heute sind es noch rund 3.000. In der Blütezeit lebten 2.000 Mönche und Nonnen in dem Kloster, heute noch 17.

Kritik an minderheitenfeindlicher Politik

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) machte auf „dringende Menschenrechtsprobleme“ in der Türkei aufmerksam. Die Politik sei minderheitenfeindlich: „Noch immer genießen religiöse und ethnische Minderheiten – ob Christen wie die Armenier, Syrisch- und Griechisch-Orthodoxe, Katholiken und Protestanten oder Kurden – in der Türkei nicht dieselben Rechte und Freiheiten wie die türkische Bevölkerung.“ Solange die Türkei die Minderheitenpolitik nicht den europäischen Maßstäben anpasse, könne das Land kein gleichwertiges Mitglied in der EU werden.

Pastor in der Türkei: Staat macht keine Probleme

Das sieht der Pastor der kleinen Baptistengemeinde in der türkischen Hafenstadt Izmir, Ertan Cevik, anders. Er sagte idea auf Anfrage, dass sich die Lage bei den Menschenrechten und der Religionsfreiheit für Christen in den letzten Jahren deutlich gebessert habe: „Wir haben Probleme mit extremistischen Gruppen, nicht mit dem Staat.“ Dieser sei bestrebt, die Christen zu schützen. So steht Cevik seit der Ermordung von drei Christen im osttürkischen Malatya im Jahr 2007 unter Polizeischutz. Vor kurzem sei ein Anschlag auf einen Christen in Istanbul verhindert worden. Dass dem Staat an einem guten Verhältnis zu den Christen gelegen sei, zeige auch der „historische“ Besuch von Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc im Januar beim Ökumenischen Patriarchen Batholomäus (Istanbul), dem geistlichen Oberhaupt von rund 300 Millionen orthodoxen Christen. Seit 1952 habe es keine offiziellen Besuche des Staats bei den Orthodoxen mehr gegeben. Über 95 Prozent der 72 Millionen Einwohner der Türkei sind Muslime. Von den rund 120.000 Christen gehören etwa 4.000 zu evangelikalen Gemeinden.