12. Dezember 2017

Zu wenige Gemeinden kümmern sich um ihre Soldaten

Quelle: idea.de

Öffentlichkeit kaum am Schicksal Verletzter interessiert. Foto: Bundeswehr

Öffentlichkeit kaum am Schicksal Verletzter interessiert. Foto: Bundeswehr

Berlin (idea) – In der öffentlichen Diskussion zur Bundeswehr geht es um spektakuläre Vorfälle und die politische Verantwortung dafür; Soldaten und deren Angehörige vermissen dagegen das Interesse an ihrer persönlichen Situation und an den Folgen der Einsätze für ihr Leben.
 

Wie der Betreuungsbeauftragte Ost der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung, Volker Specht (Berlin), weiter gegenüber idea sagte, fehle es in der Gesellschaft an einem „emphatischer Umgang“ mit den Soldaten. Häufig bekämen diese zu hören, dass sie um die Gefahren ihrer Einsätze gewusst hätten und dafür angemessen bezahlt worden seien. Dem zunehmenden Risiko, im Einsatz getötet oder verletzt zu werden, werde die öffentliche Diskussion nicht gerecht. Insbesondere in Afghanistan ist die Zahl der Verletzten und Getöteten hoch: Dort verstarben im vergangenen Jahr neun deutsche Soldaten, 82 Soldaten wurden verwundet und 557 erkrankten psychisch an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Eine solche psychische Verletzung anzuerkennen, falle Soldaten häufig schwer, da diese ihrem Selbstbild nicht entspräche, sagte Specht.

Kontroverse um Versorgung seelisch verletzter Soldaten

Kritik am Umgang der Bundeswehr mit seelisch verletzten Soldaten übte Christian Bernhardt (Berlin), Fallmanager beim Bund Deutscher Veteranen. Bei der Betreuung der an PTBS Erkrankten gebe es große Defizite, sagte Bernhardt gegenüber idea. Die Betroffenen müssten einen Antrag auf Anerkennung der „Wehrdienstbeschädigung“ stellen; das Verfahren dauere teilweise eineinhalb Jahre und manche Antragsteller seien mit den Formalitäten überfordert. Besonders Zeitsoldaten würden nach der Rückkehr aus dem Einsatz und ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr allein gelassen. „Die Bundeswehr führt ihren gesetzlichen Auftrag zur Nachsorge für Reservisten nicht aus“, so Bernhardt. Auch Specht sieht Probleme bei der Begleitung aus dem Dienst ausgeschiedener Zeitsoldaten: Diese müssten sich selber melden und auf Hilfeangebote zugehen, aus datenschutzrechtlichen Gründen würden deren Adressen an die unterstützenden Stellen nicht weitergegeben. Die medizinische Versorgung der Bundeswehr für verletzte Soldaten und die Traumabehandlung seien aber „erstklassig“. Organisationen, die Soldaten und ihren Familien Unterstützung anbieten, sind in einem „Netzwerk der Hilfe“ zusammengeschlossen. Neben der Militärseelsorge sowie den kirchlichen Arbeitsgemeinschaften für Soldatenbetreuung sind das unter anderem das Bundeswehr-Sozialwerk und das Soldatenhilfswerk als Selbsthilfeorganisation.

Militärseelsorge unterstützt Verletzte und Hinterbliebene

Eine besondere Stärke der Militärseelsorge liege in ihrem unmittelbaren Zugang zu den Soldaten und ihren Angehörigen, sagte Specht. Denn die Seelsorger seien in den militärischen Einsatzgebieten und in den Heimatkasernen präsent. Auch Menschen, die sonst nicht in einen Gottesdienst gehen, suchten das Gespräch mit den Militärseelsorgern. In die Unterstützung Verwundeter und die Begleitung Hinterbliebener bei Todesfällen sei die Militärseelsorge häufig eingebunden. An Bedeutung gewinne der von kirchlichen Mitarbeitern erteilte lebenskundliche Unterricht, denn er helfe bei der Suche nach Antworten auf die häufiger werdenden Fragen nach dem Sinn der Einsätze und deren ethischen Leitlinien. Die Diskussion über die Begleitung der ausgeschiedenen Soldaten müsse in die örtlichen Kirchengemeinden getragen werden. Es gebe bereits Gemeinden, die sich hervorragend um ehemalige Soldaten kümmerten, das sei aber noch selten, sagte Specht.