22. September 2017

Organspende: Wann ist der Mensch wirklich tot?

Quelle: idea.de

Debatte um Transplantationsgesetz

Debatte um Transplantationsgesetz

Berlin (idea) – Über das Für und Wider der Organspende wird in Deutschland neu diskutiert. Der Grund liegt auf der Hand: Etwa 12.000 Schwerkranke warten auf ein Spenderorgan. Aber es gibt zu wenige, und deshalb sterben täglich drei Menschen in Deutschland. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind zwar rund 70 Prozent der Menschen bereit, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden, doch nur 17 Prozent haben einen Spendeausweis ausgefüllt.
 

Zur Transplantation werden Organe wie Niere oder Leber meist hirntoten Menschen entnommen, etwa nach schweren Unfällen. Aber wer kann sagen, ob ein Hirntoter auch wirklich tot ist? Und wer will entscheiden, ob einem kurz vor dem Tode Stehenden Organe entnommen werden sollen, um einen anderen Menschen zu retten, wenn kein Spendeausweis vorhanden ist? Der Bundestag könnte noch in diesem Jahr ein neues Transplantationsgesetz beschließen. Dafür plädiert der Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU, Volker Kauder. Gemeinsam mit der Initiative „Pro Organspende“ schlägt er eine „Entscheidungslösung“ vor, nach der die Menschen einmal im Leben gefragt werden, ob sie nach dem Hirntod Organe spenden würden. Das soll die Spendebereitschaft erhöhen. Die Einwilligung könnte im Ausweis, Pass oder Führerschein gespeichert werden. Der Code dürfte aber nur von berechtigten Personen ausgelesen werden. Hingegen lehnt Kauder das Modell der „Widerspruchslösung“ ab, wonach Ärzte Hirntoten Organe entnehmen dürfen, wenn diese zu Lebzeiten nicht widersprochen haben. Nach Kauders Ansicht muss ein ausdrückliches Ja zu einer Organspende vorliegen.

Todesdefinition umstritten?

Das geltende Transplantationsgesetz von 1997 sieht vor, dass Organe nur Menschen entnommen werden, die selbst dazu eingewilligt haben und bei denen zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod festgestellt haben. Lebendspenden sind nur unter Verwandten oder engen Freunden gestattet und müssen von einer Kommission geprüft werden. Umstritten ist das Gesetz wegen seiner Definition des Hirntodes. Kritiker wie der evangelische Theologe Werner Neuer (Schallbach bei Lörrach) sind der Ansicht, dass der Hirntote nicht wirklich tot sei. Weltweit gebe es mehr als 30 Definitionen des Hirntods, so Neuer gegenüber idea. Während in dem einen Land ein Patient bereits als tot gelte, werde er in einem anderen Land noch als Lebender behandelt. Dies sei ethisch und biblisch nicht zu rechtfertigen.

Wie die Bundesärztekammer den Hirntod definiert

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer definiert den Hirntod als unumkehrbares Erlöschen der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm, so dass die Beatmung sowie die Funktion von Herz- und Kreislauf nur noch künstlich aufrechterhalten werden können. Nach Ansicht des Transplantationsmediziners Prof. Eckhard Nagel (Bayreuth) ist diese Definition ethisch einwandfrei: „Wenn alle Tests einwandfrei durchgeführt wurden, gibt es meiner Kenntnis nach keinen Fall, bei dem ein Hirntoter noch einmal ins Leben zurückgekehrt ist.“ Nagel, der mehr als 500 Verpflanzungen vorgenommen hat, gehört dem Deutschen Ethikrat an und ist Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der EKD hatten bereits 1990 in einer gemeinsamen Erklärung dem Hirntodkonzept und in Folge auch der Organspende zugestimmt. „Der Hirntod bedeutet ebenso wie der Herztod den Tod des Menschen“, hieß es damals. Beide Kirchen begrüßen die freiwillige Freigabe von Organen, da dies Kranken zu einem besseren Leben verhelfe.

Zustimmung bei SPD, FDP und „Linke“

Für Kauders Vorschlag zur Neuregelung der Organspende könnte es im Bundestag eine große Mehrheit geben: Mit seiner Forderung trifft er sowohl bei Vertretern von SPD, FDP als auch bei der „Linken“ auf Zustimmung. So spricht sich SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier für eine verpflichtende Erklärung zur Organspende aus. Er hatte vor fünf Monaten seiner Frau eine Niere gespendet. Auch Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) begrüßt Kauders Vorschlag. Zustimmung signalisiert auch die Linken-Gesundheitspolitikerin Martina Bunge: „Ich war schon immer der Meinung, dass man sich in dieser heiklen Frage einmal im Leben positionieren muss.“

Bedenken bei CSU und Grünen

Dagegen plädiert die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen dafür, es bei der jetzigen Regelung zu belassen. Man dürfe keinen moralischen Druck aufbauen, um Menschen zur Organspende zu bewegen, so die Gesundheitspolitikerin Elisabeth Scharfenberg. Bedenken äußert auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer. Man müsse zunächst über die Definition des Hirntodes diskutieren. Die Unsicherheit, wann ein Mensch wirklich tot sei, sei der eigentliche Grund für viele Menschen, einer Organspende nicht zuzustimmen. Singhammer verweist auf einen Bericht des US-amerikanischen Ethikrates von 2008. Danach sei der Hirntod als Todeskriterium nicht länger geeignet.