12. Dezember 2017

Kontroverse um den evangelikalen Bestseller „Der Neonazi“

Quelle: idea.de

Stuttgart/Klagenfurt (idea) – Sind weite Teile des christlichen Bestsellers „Der Neonazi – Die wahre Geschichte des Nico M.“ über einen Aussteiger aus der Neonazi-Szene in Österreich frei erfunden? Das fragen sich Kritiker des Buches der Schweizer Autorin Damaris Kofmehl, das 2010 im evangelikalen Verlag SCM Hänssler (Holzgerlingen bei Stuttgart) erschienen ist.
 

Der Verlag weist die Anschuldigungen zurück. Nach zahlreichen kritischen Berichten im Internet und auch im Radioprogramm von ERF-Medien am 21. Januar gab es am selben Tag ein Treffen zwischen Kritikern wie dem österreichischem Musiker Leander Müller (Klagenfurt) und dem Verlag, über das beide Seiten Stillschweigen vereinbart haben. Dennoch erneuerte Müller gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea seine Vorwürfe: „Ich stehe weiter zu meiner Kritik.“ Seine Zweifel seien nicht ausgeräumt worden. In dem Buch werden zahlreiche Verbrechen bis hin zum Mord geschildert, die Nico M. begangen haben soll. Das Buch endet mit der dramatischen Lebenswende des Mannes: Er wird 2007 Christ, steigt aus der Neonazi-Szene aus und wird dafür von seinem angeblich vermögenden Großvater enterbt. Inzwischen ist die Autorin mit Nico M., dessen wahre Identität nicht preisgegeben wird, wiederholt bei christlichen Veranstaltungen auch öffentlich aufgetreten. Das Buch ist bereits in 3. Auflage erschienen. Die Autorin, die bereits elf Bücher mit Lebensgeschichten geschrieben hat, bekennt in einer kurzen Stellungnahme, die Vorwürfe nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und „der Sache auf den Grund gehen“ zu wollen.

Kritiker: Verbrechen ohne Konsequenzen?

Müller, der selbst wiederholt Konzerte in Gefängnissen gegeben hat und der die echte Identität von Nico M. kennt, hat versucht, den Wahrheitsgehalt des Buches zu überprüfen. Ihm ist bei Besuchen hinter Gittern aufgefallen, dass Strafgefangene immer wieder zu deutlichen Übertreibungen neigen. Das hält er auch bei Nico M. für wahrscheinlich. Er hat unter anderem mit einer Sozialarbeiterin aus der Jugendstrafanstalt Gerasdorf (Niederösterreich) gesprochen, in der Nico M. eingesessen hat, sowie mit einem Polizisten aus Vorarlberg, der ihn ebenso kennt: Alle Gesprächspartner hätten ihm – Müller – bestätigt, dass „diese Geschichte zu einem großen Teil nicht der Wahrheit entspricht“. So gebe es, anders als im Buch behauptet, in Justizanstalten in Österreich keine Dunkelhaft. Nach Aussagen des Buches hat Nico M. zwei Morde in Österreich und Belgien begangen, zu einem Doppelmord bei einem Zeltfest angestiftet und in Nordzypern einen Totschlag begangen. Er will nach eigenen Angaben ferner mehr als zehn weitere teilweise schwere Straftaten begangen haben. Müller wundert sich, dass alle Verbrechen „anscheinend keine rechtlichen Konsequenzen haben“. Wenn die Geschichten nur erfunden seien, müsse dies geklärt werden, und Verlag und Autorin müssten die Verantwortung dafür übernehmen. Wenn die Verbrechen aber Tatsachen seien, müsse sich der Täter der Polizei stellen: „Besonders, da Nico ja nun Christ ist, sollte es ihm persönlich wichtig sein, dass es hier zu einer Klärung kommt.“ Müller ist sich sicher, dass es auch den in dem Buch beschriebenen Großvater „in dieser Form nie gegeben hat“. Der Musiker hat auch im christlichen Umfeld von Nico M. recherchiert. Er sei – anders als in dem Buch behauptet – psychisch nicht stabil. Er habe betrunken einen Gottesdienst besucht und halte sich immer noch „in zwielichtigen Kreisen“ auf. Nico müsse ein Doppelleben führen, weil er in christlichen Kreisen wie ein „Star“ behandelt werde. Müller empfiehlt ihm, Seelsorge in Anspruch zu nehmen: „Es darf nicht sein, dass Nico einfach nur als Subjekt für eine christliche Sensationsstory benutzt wird.“

SCM: Den Wahrheitsgehalt des Buches bestätigt

Der Geschäftsführer der Stiftung Christliche Medien, Frieder Trommer (Holzgerlingen), hat mit einer Presseerklärung auf die Anschuldigungen reagiert: „Alle … recherchierten Namen, Daten, Fakten und die persönlichen Bestätigungen langjähriger Begleiter sowie die Bereitschaft mehrerer Betroffener und im Buch benannter Personen, als Zeugen uns gegenüber auszusagen, haben für uns derzeitig den Wahrheitsgehalt des Buches bestätigt.“ Trommer ist erschüttert „über die Mutmaßungen gegenüber dem Betroffenen, seiner Vertrauensperson und der Autorin, zumal diese ohne persönliche Begegnungen oder Gespräche erfolgt sind.“ Gegenüber idea wies Trommer darauf hin, dass die jüngste Auflage des Buchs an einer Stelle überarbeitet worden sei, weil ein juristischer Begriff hätte missverstanden werden können. Die vorherige Auflage sei deshalb am 3. Dezember gestoppt worden. Er sehe aber keinen Grund, die Auslieferung komplett einzustellen, so Trommer.

Autorin: Restrisiko bleibt

Die Autorin Kofmehl räumte gegenüber idea ein, dass sie nicht alle Angaben Nicos habe überprüfen können: „Ein Restrisiko bleibt erhalten.“ Wie vor jedem Buch, das sie schreibe, habe sie Gott im Gebet um Rat gebeten und bei ihrer Arbeit ein gutes Gefühl gehabt. Das Buch habe bis heute viele Segensspuren ausgelöst: Ein anderer Neonazi sei nach der Lektüre Christ geworden. Auch die Kritik, dass Nico eher Hilfe als Öffentlichkeit brauche, wies die Autorin zurück. Es gehe ihm gut, auch wenn er „eine unglaubliche Zerbrochenheit“ ausstrahle. Sie wolle auch künftig mit ihm auf Tournee gehen. Auch das Buch würde sie wieder schreiben, so Kofmehl. Täglich gingen bei ihr positive Reaktionen ein, was bisher bei keinem anderen Buch von ihr der Fall gewesen sei.