20. September 2017

Käßmann-Predigt zu Afghanistan: Rede des Jahres 2010

Bundeswehrhubschrauber - Foto: Steini1980 / pixelio.de

Bundeswehrhubschrauber - Foto: Steini1980 / pixelio.de

(KR) Die Universität Tübingen würdigt die Predigt der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, vom 1. Januar 2010 zum Afghanistan-Einsatz als „Rede des Jahres 2010“.
 

Im Neujahrsgottesdienst der Dresdner Frauenkirche predigte das frühere Kirchenoberhaupt zur Jahreslosung „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“. In ihrer Predigt sagte sie:

„Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut!“ Es brauche Menschen, so Käßmann, „die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.“

Diese Predigt löste eine anhaltende öffentliche Kontroverse aus. Für Bundeswehrgeneral a. D. Klaus Naumann war ihr Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ ein „hochmütiges, … in jeder Hinsicht falsches Pauschalurteil“, das den für das Retten bedrohter Menschen verantwortlichen Soldaten die tröstliche Vergebungshoffnung entzogen, ihr Tun als verfehlt und ihre Opfer als vergeblich bezeichnet habe. Zwei in Afghanistan stationierte Militärdekane warfen ihr öffentlich vor, sie habe deutsche Soldaten beleidigt, ihnen die Solidarität aufgekündigt und moralischen Rückhalt entzogen. Sie polarisiere auf ihre Kosten zwischen militärischen und zivilen Optionen. Ihre Mahnung zu mehr Fantasie sei realitätsfern, da sie keine praktikablen Alternativen aufgezeigt habe.

Auf SWR.de begründet der Direktor des Seminars für Allegemeine Rhetorik in Tübingen und Juryvorsitzende die Auszeichnung der Käßmann-Predigt:

„Wir haben diese Rede aus einer ganzen Reihe von denkbaren preiswürdigen Reden ausgewählt, weil sie einerseits eine ganz besondere Rolle in der Position der Kirche spielt in öffentlichen Debatten und zweitens weil sie ein ungewöhnlicher Auslöser einer gesellschaftlichen Debatte war, die das ganze Jahr über dann angehalten hat und mit einer These, die man scharf in dem großen Medienecho – was erfolgte – kritisiert hat und man hat auch die Zuständigkeit der Kirche für diese Fragen in Zweifel gezogen. Das war für uns eigentlich ein Anlass, doch noch mal nachzudenken, ob nicht hier doch eine hohe gesellschaftliche Relevanz vorliegt.“

Die Predigt, so das Jury-Mitglied, habe „bewusst den Bezug zur Lebenswelt gesucht und nicht unbedingt eine Schriftstelle erklären“ wollen. Sie sei als ein „Politikum“ wahrgenommen worden und eine „Schnittstelle zwischen kirchlicher Redesorte und weltlicher Redesorte“. Die Themenpredigt habe in einem ganz bestimmten Moment der deutschen Geschichte mit hoher Wirkungskraft hohe Wellen geschlagen und sei „eine mutige Tat gewesen“.

Käßmann hatte bereits in einem im SWR am 18. Dezember ausgestrahlten Hörfunkinterview den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr erneut kritisiert. Die Bundeswehr sei, so die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende keine Entwicklungshilfeorganisation.

Seit 1998 wird die „Rede des Jahres“ vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen vergeben. Der Preis soll nach eigenen Angaben eine Rede würdigen, die „die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend beeinflußt hat“. 2009 erhielt ihn Sigmar Gabriel für seine Rede auf dem SPD-Parteitag in Dresden am 13. November 2009. Auch Oskar Lafontaine, Papst Benedikt XVI und Joschka Fischer waren Preisträger für die „Rede des Jahres“.