12. Dezember 2017

Irak: Christen fliehen zu Tausenden vor Anschlägen

Quelle: idea.de

Auch die Versicherung von Premierminister Nuri al-Maliki, die Sicherheit und Toleranz für religiöse Minderheiten zu erhöhen, hat den Exodus nicht stoppen können. Foto: Wikipedia/DVIDS

Auch die Versicherung von Premierminister Nuri al-Maliki, die Sicherheit und Toleranz für religiöse Minderheiten zu erhöhen, hat den Exodus nicht stoppen können. Foto: Wikipedia/DVIDS

Bagdad (idea) – Christen im Irak fliehen zu Tausenden vor Anschlägen ins Ausland oder in den kurdischen Norden des Landes. Doch auch dort sind sie nicht sicher vor dem Terror extremistischer Muslime. Armee und Polizei sind nicht in der Lage oder nicht willens, die Minderheit zu schützen.
 

Auch die Versicherung von Premierminister Nuri al-Maliki, die Sicherheit und Toleranz für religiöse Minderheiten zu erhöhen, hat den Exodus nicht stoppen können. Mindestens die Hälfte der auf bis zu 1,4 Millionen Christen, deren Kirchen seit fast 2.000 Jahren im Irak beheimatet sind, ist seit der Invasion der US-Streitkräfte und ihrer Verbündeten im Jahr 2003 geflohen. Auf das Schicksal der bedrängten christlichen Minderheit machen Hilfswerke und die Zeitung New York Times (12. Dezember) aufmerksam.

UN: 1.100 Familien sind geflohen

Aktueller Auslöser für die Fluchtwelle war der Anschlag auf eine syrisch-katholische Kirche in Bagdad am 31. Oktober. Dabei wurden 51 Kirchgänger und zwei Priester getötet. Zu der Bluttat bekannte sich die Gruppe „Islamischer Staat Irak“, die dem Terrornetzwerk El Kaida nahesteht. Am 5. Dezember wurden in Bagdad ein christliches Ehepaar und ihre Tochter erschossen, so die Hilfsorganisation Barnabas Fund (Pewsey/Südengland). Nach ihren Angaben befinden sich etwa 500 christliche Familien auf der Flucht in das teil-autonome Kurdistan im Norden des Landes, wo sie Zuflucht bei Verwandten oder in Klöstern suchen. Doch auch in der dortigen Region sind sie nicht sicher. Von den einst etwa 100.000 Christen in der etwa 2,9 Millionen Einwohner zählenden Stadt Mossul sind laut der New York Times noch etwa 5.000 geblieben. Genaue Angaben über die Zahl der geflüchteten Christen seien nicht möglich. Die Vereinten Nationen hätten insgesamt etwa 1.100 Familien registriert. Allein im November seien 243 Familien in die Türkei geflohen.

Pöttering: Toleranz ist keine Einbahnstraße

Unterdessen hat der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemalige Präsident des Europa-Parlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), die irakische Regierung aufgerufen, alles in ihrer Macht stehende zum Schutz der Christen zu unternehmen und die Straftäter zur Verantwortung zu ziehen. Er kam am 14. Dezember in Straßburg mit einer Kirchendelegation aus dem Irak und dem Libanon zusammen. „Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn sich Christen gezwungen sehen, aus Angst um ihr Leben ihr Land zu verlassen.“ Auch Muslime profitierten von einem toleranten Zusammenleben. Toleranz sei keine Einbahnstraße. Pöttering: „In Europa unternehmen wir große Anstrengungen, um Muslime in unsere Gesellschaften zu integrieren, indem sie ihre Religion frei ausüben können. Dasselbe erwarten wir für den Umgang mit Christen in anderen Teilen der Welt.“ Zur Delegation gehörten der katholische Erzbischof von Bagdad, Athanase Matti Shaba Matoka, dessen Kathedrale dem Anschlag vom 31. Oktober zum Opfer gefallen ist, dem Erzbischof von Mossul, Basile Georges Casmoussa, der 2005 als erster Priester entführt worden war, sowie dem Weihbischof von Babylon, Schlemon Warduni. Sie berichteten, dass seit 2004 im Irak 52 Kirchen bombardiert, 7 Priester ermordet sowie 13 Bischöfe entführt worden seien.

EKD verurteilte Anschlagserie

Die EKD verurteilte die Anschlagserie vom November auf das Schärfste. „Aus Machtstreben und fanatisiertem Hass richtet sich hier die brutale Gewalt einer extremistischen Minderheit gegen die Zivilbevölkerung“, erklärte der Bevollmächtigte des Rates der EKD, Prälat Bernhard Felmberg (Berlin). Traditionell habe es im Irak ein gutes Zusammenleben zwischen der muslimischen Mehrheit und der christlichen Minderheit gegeben. Allerdings sei es extremistischen Kräften gelungen, ein Klima der Angst zu erzeugen. Bis zu einer Stabilisierung der Verhältnisse brauchten immer mehr Menschen Hilfe. Dazu gehörten auch jene Flüchtlinge, die in die Erstaufnahmestaaten der Region geflohen sind und auf absehbare Zeit nicht in den Irak zurückkehren können. Unter ihnen seien viele Christen. Felmberg erneuerte die EKD-Forderung nach Neuauflage eines Programms, mit dem irakische Flüchtlinge in der Europäischen Union – davon rund 2.500 in Deutschland – aufgenommen worden sind.

Christen in Bagdad erhalten Post

Um den bedrängten Christen im Irak deutlich zu machen, dass sie nicht vergessen sind, hat das Hilfswerk Open Doors (Kelkheim bei Frankfurt am Main) ein Schreibaktion durchgeführt. Aus aller Welt trafen Briefe, Postkarten und Kinderbilder mit Grüßen und Bibelversen an, die zu einem Buch mit 257 Seiten zusammengestellt wurden. Es wird in Gemeinden, an Pastoren und betroffene Familien in Bagdad verteilt. Ein Christ habe mit folgenden Worten reagiert: „Dies ist die Antwort auf all unsere Gebete und die Bestätigung, dass wir nicht vergessen sind.“