21. August 2017

Vorwurf: Spiritismus bei Neuapostolischer Kirche

Quelle: idea.de

Thomas Gandow kritisiert „Gottesdienste für Entschlafene“. Foto: EKBO

Thomas Gandow kritisiert „Gottesdienste für Entschlafene“. Foto: EKBO

Berlin (idea) – Kritik an religiösen Praktiken der Neuapostolischen Kirche übt der Vorsitzende des Dialog Zentrums Berlin, Pfarrer Thomas Gandow. Er ist auch Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
 

Anlass sind „Gottesdienste für Entschlafene“, die die Sondergemeinschaft seit über 50 Jahren dreimal jährlich durchführt. „Neuapostolische Christen glauben daran, dass Verstorbenen geholfen werden kann“, heißt es auf der Internetseite der Neuapostolischen Kirche in Norddeutschland. Der seelische Zustand der Verstorbenen könne sich in der jenseitigen Welt zum Besseren hin entwickeln, wenn sie nachträglich getauft, „mit dem Heiligen Geist“ versiegelt und am Abendmahl teilnehmen würden. Taufe, Versiegelung und Abendmahl nehmen bei den „Gottesdiensten für Entschlafenen“ neuapostolische Amtsträger entgegen, die die Toten vertreten. Für die jüngste Feier am 7. November in rund 300 norddeutschen Gemeinden hatte die Sondergemeinschaft mit farbigen Anzeigen auf der ersten Seite mehrerer Regionalzeitungen geworben.

Gandow: Sektiererische Sonderlehren

Laut Gandow erinnern „Gottesdienste für Entschlafene“ weniger an Totengedenken und christliche Fürbitte für Verstorbene als vielmehr an spiritistische Praktiken des Verkehrs mit der Geisterwelt. Diese Auffassung decke sich mit der Darstellung von Hermann Niehaus, der als „Stammapostel“ oberster Repräsentant der Neuapostolischen Kirche von 1905 bis zu seinem Tod 1932 war. In der Publikation „Lichtblicke ins Totenreich“ habe Niehaus Amtsträger als Medium bezeichnet, auf die die körperlosen Entschlafenen zur Befriedigung ihrer Seelen angewiesen seien. Wie Gandow in einem vorab veröffentlichten Beitrag für die Zeitschrift „Berliner Dialog“ weiter schreibt, sei es bemerkenswert, dass einerseits diese „sektierischen Sonderlehren über die Totenbekehrung“ öffentlich und offensiv propagiert würden, andererseits aber im neuen „Glaubensbekenntnis“ der Neuapostolischen Kirche keine Erwähnung fänden. Das im Sommer veröffentlichte Dokument sei deshalb von einigen unkritischen Beobachtern als Zeichen für eine „ökumenische Öffnung“ der Neuapostolischen Kirche missverstanden worden. Man habe es sogar für möglich gehalten, das Papier zur Grundlage für ökumenische Gesprächsmöglichkeiten zu machen.

Weltweit elf Millionen Mitglieder

Die Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg entstandene Neuapostolische Kirche sieht sich als Fortsetzung der urchristlichen Kirche. Sie versteht sich als das „göttliche Gnaden- und Erlösungswerk Christi“ auf Erden. Die von Jesus Christus begonnene Erlösung soll von den Aposteln vollendet werden, die die Gemeinschaft leiten. Weltweit hat die Organisation über zehn Millionen Mitglieder, in Deutschland etwa 360.000. Damit ist sie hierzulande die größte religiöse Sondergemeinschaft.