19. Oktober 2017

Pfarrer müssen nicht „Mädchen für alles“ sein

Quelle: idea.de

Michael Herbst: Viele Geistliche überlastet – Theologiestudium nicht praxisnah genug.

Michael Herbst: Viele Geistliche überlastet – Theologiestudium nicht praxisnah genug.

Hannover (idea) – Viele evangelische Geistliche fühlen sich überlastet mit der Vielzahl der Aufgaben, die sie im Pfarramt bewältigen sollen. Neben der Verkündigung und Seelsorge nehmen sie auch andere Tätigkeiten wahr wie etwa Verwaltungsaufgaben.
 

Der Greifswalder Theologieprofessor Michael Herbst wies in einem Hauptvortrag vor der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) am 5. November in Hannover unter anderem darauf hin, dass Pastorinnen und Pastoren biblisch gesehen Teil der Gemeinde seien. Dort nähmen sie einen besonderen geistlichen Auftrag wahr, dort sollten aber auch andere vielfältige Begabungen zusammenwirken. Mängel stellte Herbst in der theologischen Ausbildung fest. Diese sei zu wenig auf die Berufswirklichkeit ausgerichtet. „Wir gehen als Gelehrte aus dem Studium und treffen auf eine Berufswirklichkeit, in der von uns obendrein Führungsqualitäten verlangt werden, die wir weder theologisch reflektiert noch praktisch erworben haben“, so Herbst in seinem Vortrag zum Schwerpunktthema der Generalsynode „Pfarrerbild und Pfarrerbildung“. Die Ausbildung genüge auch nicht im Blick auf die Sprachfähigkeit der Theologen in unterschiedlichen Milieus. Die Vorbereitung müsse bereits im Studium beginnen und nicht erst im Vikariat oder und werde in Pastoralkollegs.

Keine „Prügelknaben der Kirche“

Pfarrer wollten nicht „die Prügelknaben der Kirche“ sein, so Herbst. Sie erwarteten mehr Anerkennung. Umfragen zeigten, dass die Gesellschaft ein „relativ hohes Vertrauen“ entgegenbringe. So wie die kirchliche Landschaft müsse sich auch das Pfarramt verändern. Zum Beispiel werde es in den bevölkerungsarmen und strukturschwachen Gebieten vor allem im Osten Deutschlands nur noch mit Mühe eine flächendeckende kirchliche Versorgung geben. Eine Anwesenheit des Pfarrers oder der Pfarrerin, die persönliche Beziehungen ermögliche und eine wirkliche Regelmäßigkeit des gottesdienstlichen Lebens sei da kaum noch möglich. Wenn dies versucht werde, fordere es die Geistlichen bis weit über die Schmerzgrenze. Die einzige Zukunftschance sei die Förderung von lebendigen Kernmannschaften in den Gemeinden, die selbst Verantwortung nach dem Maß ihrer Gaben und Möglichkeiten übernehme.

Anglikaner senden Missionspastoren aus

Deshalb gelte es, neue Formen des Pfarrdienstes zu entwickeln. Als vorbildlich führte Herbst Beispiele aus der anglikanischen Kirche von England an. Dort gebe es speziell ausgebildete Missionspastoren, die in bestimmten Milieus als Pfarrer wirken, in denen das Evangelium nicht mehr oder noch nicht bekannt sei. Das sei ein Baustein, der in der evangelischen Kirche in Deutschland der Wiederentdeckung der Mission als Grundauftrag der Kirche noch fehle.

Kernaufgaben an erste Stelle setzen

Der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Johannes Friedrich (München), hatte in seinem Bericht vor der Generalsynode bestätigt, dass sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer über Gebühr belastet fühlten. Angesichts der hohen und uneinheitlichen Erwartungen an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin sei es eine wichtige Fähigkeit, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und mit ihnen verantwortlich und überzeugend umzugehen. Den pastoralen Kernaufgaben gebühre der erste Platz: Verkündigung, Seelsorge, Unterricht und Gemeindeaufbau. Dazu gehöre die Förderung des Ehrenamts. Laut Friedrich gelte es, die Verwaltung so zu gestalten, dass die geistlich-spirituelle Kompetenz von Pfarrerinnen und Pfarrern stärker im Vordergrund stehe und sie sich diesen Aufgaben in verstärktem Maße widmen können. Die VELKD umfasst acht Landeskirchen mit rund zehn Millionen Mitgliedern.