20. August 2017

Bundesverfassungsrichter wirbt für Ja zu Kindern

Quelle: idea.de

Udo Di Fabio für Leitbild der Drei-Kinder-Familie. Foto: Roland Kohls

Udo Di Fabio für Leitbild der Drei-Kinder-Familie. Foto: Roland Kohls

Karlsruhe (idea) – Für mehr Kinder in Deutschland wirbt ein Mitglied des höchsten Gerichts, der Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio (Karlsruhe). Der vierfache Vater bezeichnet es in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea als erstrebenswert, eine Familie zu gründen und damit Spuren in der Welt zu hinterlassen: „Kinder sind für mich ein Wunder, an dessen Entfaltung Eltern mit Liebe, Erziehung und Vorbild mitwirken können.“
 

Der Jurist befürwortet das Leitbild der Drei-Kinder-Familie in einem „geburtenschwachen, ökonomisierten Europa“. Den Grund für den Kindermangel in der westlichen Welt sieht er in einer Überbetonung wirtschaftlichen Denkens: „Ökonomisch betrachtet ist es nicht sehr vernünftig, viele Kinder zu haben. Kinder sind teuer, sie sind – rein wirtschaftlich betrachtet – eine Last.“ Di Fabio hält es jedoch für „dumm“, in allen Lebenssituationen ökonomisch zu handeln. „Wer das Ökonomische für identisch hält mit dem Sinn des Lebens, der hat das Leben nicht verstanden“, so der Katholik. In Deutschland gibt es nach seiner Einschätzung kein familienpolitisches Leitbild: „Wir erkennen an, dass sich die Lebensstile pluralisiert haben und der Gesetzgeber so etwas wie Normalität nicht mehr ohne weiteres zugrunde legen kann.“ Vielleicht gebe es ein heimliches Leitbild: das Leitbild des ungebundenen Lebens, wie es im Fernsehen, Kino oder der Werbung dargestellt werde.

Menschenwürde hat christliche Wurzeln

Di Fabio äußerte sich ferner zu den jüdisch-christlichen Wurzeln des modernen Staates. Dazu gehöre die Menschenwürde. Es sei falsch, wenn behauptet werde, dass sie erst durch die Aufklärung zum Thema geworden sei: „Nachweislich war der christliche Renaissance-Humanist Pico della Mirandola (1463-1494), derjenige, der die Würde des Menschen zum Ausgangspunkt des neuzeitlich humanistischen Gesellschaftsentwurfs gemacht hat.“ Er habe die Menschenwürde aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen abgeleitet. Nach Ansicht des Bundesverfassungsrichters befinden sich heute alle Gesellschaften des Westens in einer Identitätskrise. In einer solchen Krise suche man nach Wurzeln: „Die einen suchen ein ursprünglicheres Christentum, andere entdecken die antikirchliche Stoßrichtung der Aufklärung wieder.“

Kirchen stiften „enormen Nutzen“

Kritisch äußert sich Di Fabio zum Motto des von Konfessionslosen ausgerufenen „Jahrs des Kirchenaustritts“. Dessen Leitgedanke „Mehr Netto, mehr Freiheit, mehr Solidarität!“ sei „widersinnig“. Wer Kirchensteuer zahle, binde sich freiwillig und habe sich damit für Solidarität mit anderen Menschen entschieden. Außerdem sei belegt, dass aktive Kirchenmitglieder sich über ihre Gemeinde oder die Zahlung von Kirchensteuer hinaus mehr engagierten als Nicht-Kirchenmitglieder. Di Fabio zufolge stiften die Kirchen „enormen Nutzen“, etwa bei der Integration anderer Kulturen. Diese Erfahrung mache er bei seiner Arbeit im Kuratorium einer kirchengemeindlichen Stiftung: „Zu meiner großen Überraschung geben gerade islamische Eltern ihre Kinder gerne in christliche Kindergärten, weil sie diesen eine angemessene Erziehung eher zutrauen als staatlichen Einrichtungen.“ Ein offensiver Atheismus verschließe solche Integrationsmöglichkeiten eher, als dass er sie eröffne. Zugleich beobachtet Di Fabio eine Auszehrung des christlichen Bekenntnisses: „Viele Kirchen leeren sich, der Glaube trocknet aus und die Vertreter der Kirchen sprechen öffentlich selten von Gott.“