19. November 2017

Führt uns Gott in Versuchung?

Quelle: ideaSpektrum 42.2010 – DIE KLEINE KANZEL

Marc Schneider

Marc Schneider

» Und führe uns nicht in Versuchung «
Matthäusevangelium 6,13/Lukasevangelium 11,4

 

Oft bete ich einfach so über diese Worte im Vaterunser hinweg. Aber versteckt sich hinter dieser Bitte nicht ein unverschämter Vorwurf nach dem Motto: „Und führe mich ja nicht in Versuchung!“? Ist es also Gott selbst, der mir Steine in den Weg legt, damit ich hinfalle? Doch Versuchung ist etwas anderes als testen, als auf die Probe stellen. Versuchung führt zur Sünde und damit weg von Gott. Führt Gott in Versuchung?

Wenn ich so frage und daraus vielleicht noch eine Anklage bastele, verkenne ich das Anliegen dieses Bibelwortes. Wir haben hier ja keine Anklage vor uns oder einen philosophischen Diskussionsbeitrag zu den Ursachen des Bösen. Es ist viel mehr eine Bitte aus einem vertrauensvollen Gebet – an „unseren Vater im Himmel“. Es sind Worte von Jesus, der selber Versuchung und Anfechtung erlebt hat. „Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt“ (Jakobusbrief 1,13f). Was uns in Versuchung führt, kommt also nicht von Gott, sondern aus uns selbst. Nicht auf Gott müssen wir also unseren Zeigefinger richten, sondern uns selber an die Brust schlagen.

Aber wenn wir zu Gott, den wir Vater nennen dürfen, unsere Augen erheben und ihn mit Jesu Worten bitten, dann setzen wir unser Vertrauen auf den, von dem wir alle guten Gaben erhoffen. Und so können Jesu Worte unsere Worte werden: „Hilf, dass ich nicht in Anfechtung falle. Hilf mir in der Anfechtung, dass ich nicht von dir falle, sondern dass sie mich immer tiefer in deine liebenden Arme treibt.“

Marc Schneider, Student der evangelischen Theologie an der Universität Greifswald (Vorpommern)