22. November 2017

20 Jahre deutsche Einheit: Gott gebührt der Dank

Quelle: idea.de

Aue (idea) – Für die Wiedervereinigung Deutschlands vor 20 Jahren gebührt in erster Linie Gott Ehre und Dank. Das war der Tenor einer Feier der Evangelischen Nachrichtenagentur idea am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) in Aue (Erzgebirge).
 
325 Leser des Wochenmagazins ideaSpektrum versammelten sich in der Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Nicolai. Ihre Freude über die Wiedervereinigung brachten sie unter anderem mit dem Lied „Großer Gott wir loben dich“ zum Ausdruck. Zeitzeugen der DDR berichteten über ihre Erfahrungen und mahnten, das Unrecht des SED-Regimes nicht zu vergessen und für die Überwindung des Sozialismus und der deutsch-deutschen Teilung dankbar zu bleiben. Pfarrer Uwe Holmer (Serrahn/Mecklenburg), der 1990 als Gastgeber des ehemaligen DDR-Staatschefs Erich Honecker und seiner Frau Margot weltweit bekannt wurde, ging auf die Hinterlassenschaft der sozialistischen Machthaber ein. Sie hätten durch den in der Schule gelehrten Atheismus Kindern systematisch den Weg zu Gott versperrt. Die atheistische Weltanschauung veröde den Menschen und mache ihn kaputt. Holmer rief dazu auf, Gottesleugnern in Liebe zu begegnen: „Ich kämpfe nicht gegen den Atheismus, sondern sage die Botschaft des Evangeliums. Sie allein bringt ewiges Leben bringt und macht den Menschen wertvoll.“ Die Familie Holmer hat persönlich unter dem SED-Regime gelitten. Acht der zehn Kinder durften trotz guter schulischer Leistungen nicht das Abitur machen. Nach Angaben des Pastors schreibt die seit 1992 in Chile lebende Margot Honecker – sie war Ministerin für Volksbildung in der DDR – jedes Jahr Weihnachtsgrüße an die Familie Holmer. Es gebe allerdings keine Anzeichen dafür, dass sie sich von ihrer sozialistischen Ideologie abgewandt habe. Deshalb bete er weiter für sie, so Holmer.

Von 60 IM entschuldigten sich zwei

An der Veranstaltung wirkte auch Oberlandeskirchenrat i.R. Harald Bretschneider (Dresden) mit, der 1980 Initiator der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ in der DDR war. Diese Bewegung habe damals dem „biblischen Friedenszeugnis Hände und Füße gegeben“, so der Theologe. Auf ihn waren 60 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit angesetzt. Davon hätten sich zwei bei ihm entschuldigt, berichtete er. Als Oberlandeskirchenrat betreute Bretschneider ab 1997 die Gründung von 42 evangelischen Schulen im Freistaat Sachsen. Er kritisierte Pläne der Landesregierung aus CDU und FDP, die Mittel für Privatschulen zu kürzen. Damit verlasse die Union ihre ursprüngliche Linie, öffentlichen und freien Schulen gleiche Chancen zu geben.

An das Unrecht erinnern

Der Landrat des fast 400.000 Bürger zählenden Erzgebirgskreises, Frank Vogel (CDU, Sosa bei Aue), kritisierte, dass die Situation in der DDR 20 Jahre nach der Wiedervereinigung schön geredet werde. Dies verhöhne all jene, die unter dem SED-Regime hätten leiden müssen. Deshalb sei es wichtig, sich an das Unrecht zu erinnern. Aus seiner Schulzeit berichtete er, dass alle, die sich in seiner Klasse weigerten, etwas Gotteslästerliches aufzusagen, die Note 5 erhalten hätten. Der ehemalige Bürgermeister von Glauchau (Sachsen), Helmut Trommer, ermunterte Christen, Verantwortung in der Politik zu übernehmen. Heute gebe es die Tendenz, sich herauszuhalten, weil man meine, Politik verderbe den Charakter, so der Pietist. Der Präsident der Evangelischen Volkspartei (EVP) in der Schweiz, Heiner Studer (Wettingen/Kanton Aargau), der Kontakte zu Christen in der DDR pflegte, nannte den Wertezerfall als Herausforderung. Deutsche und schweizerische Christen hätten die Aufgabe, biblische Werte zu leben und für sie einzustehen.

Allianzkonferenz: „Bibel pur“

Der frühere Leiter des Evangelischen Allianzhauses im thüringischen Bad Blankenburg, Pastor Karl-Heinz Mengs (Uelzen), ging auf die Frage ein, warum zu DDR-Zeiten jährlich bis zu 7.000 Christen zu den Allianzkonferenz kamen. Das Glaubenstreffen sei das einzige derartige große Angebot in der DDR gewesen. Es habe „Bibel pur“, eine geistliche Atmosphäre und ein Gemeinschaftserlebnis geboten: „Das tat uns sehr gut.“ Diese Elemente enthalte die Konferenz zwar nach wie vor, allerdings gebe es heute viele ähnliche Angebote, sagte Mengs im Blick auf die gesunkene Teilnehmerzahl.

Vom FDJ-Mann zum Unternehmer

Der Unternehmer Enrico Paul (Bautzen), der in der DDR in der (kommunistischen) Freien Deutschen Jugend (FDJ) aktiv war, berichtete, dass er 1993 bei einem Vortrag des lutherischen Pfarrers Richard Wurmbrand (1909-2001) Christ wurde. Es habe ihn stark angesprochen, was Wurmbrand aufgrund seines Glaubens habe durchmachen müssen. Der Pfarrer war während der kommunistischen Herrschaft in Rumänien 14 Jahre lang inhaftiert. Der 41-jährige Paul ist heute Chef einer Zeitarbeitsfirma mit rund 900 Mitarbeitern, die auch zwei Filialen in Bayern hat.