11. Dezember 2017

Wer ist ein Fundamentalist?

Quelle: idea.de

EZW-Leiter Reinhard Hempelmann über religiöse Trends.

EZW-Leiter Reinhard Hempelmann über religiöse Trends.

Berlin (idea) – Wer ist ein Fundamentalist? Zur Vorsicht bei der Verwendung des Begriffes rät der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Reinhard Hempelmann (Berlin).
 

So dürfe man Evangelikale nicht pauschal als Fundamentalisten deklarieren, sagte er in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Der Fundamentalismus sei eine Reaktion auf religiöse und kulturelle Identitätsgefährdungen. So würden in Teilen des Islams sehr strikte Religionsformen praktiziert, etwa im Verhältnis von Mann und Frau oder bei der Kindererziehung. Solche Striktheit gebe es auch in Strömungen des konservativen Protestantismus. Hempelmann: „Der christliche Fundamentalismus entnimmt der Bibel ein Informationswissen zur Weltentstehung, zum Endzeitablauf, zum Ausschluss von Frauen aus dem Verkündigungsamt.“ Ähnliche Tendenzen gebe es auch in der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen, aber man dürfe auch diese nicht pauschal als fundamentalistisch bezeichnen. Er benutze den Begriff zum Beispiel für eine bestimmte Auslegung der Bibel: „Wer etwa die Überlieferung der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 und 2 so auslegt, dass Gott die Welt in 6 mal 24 Stunden geschaffen habe, vertritt meines Erachtens eine bibelfundamentalistische Position, die die Eigenart dieser Texte als Zeugnis von Gottes Handeln nicht ernst nimmt.“ Dieses Bibelverständnis entnehme der Heiligen Schrift „fälschlicherweise ein unfehlbares und irrtumsloses naturwissenschaftliches Informationswissen“.

Evangelische Allianz ökumenisch geprägt

Hempelmann hält es für falsch, Evangelikale pauschal als Fundamentalisten bezeichnen. Die evangelikale Bewegung habe bereits vor dem Entstehen des christlichen Fundamentalismus existiert und sei von einer größeren Offenheit gekennzeichnet. So sei die Evangelische Allianz, die den Großteil der Evangelikalen vereine, von einem ökumenischen Geist geprägt. Die evangelikale Bewegung vereine unterschiedliche Strömungen, etwa Pietisten und Charismatiker. Sie greife Anliegen der reformatorischen Bewegung auf und erinnere die Kirche daran, „dass die Christusnachfolge das Zentrum des christlichen Lebens ist und zugleich mit einer Zuwendung zum Nächsten und zur Welt verbunden ist“. Insofern trügen Evangelikale zur Reform der Kirche bei.

Esoterik blüht auf

Hempelmann beobachtet gegenläufige religiöse Trends in der pluralistischen Gesellschaft – einerseits eine neue Aufmerksamkeit für Religion in der Esoterik, der pfingstlich-charismatischen Spiritualität, in den Medien und der Wissenschaft, andererseits eine Abkehr von Religion. So habe sich in den vergangenen 40 Jahren die Zahl der Konfessionslosen von 3,9 Prozent in der damaligen Bundesrepublik auf heute mehr als 30 Prozent erhöht. Die moderne Esoterik sei Teil der Kultur geworden. In jeder Buchhandlung finde man mehrere Regale mit esoterischen Ratgebern. Astrologie, Energieaustausch, Lichtarbeit, Geisterbeschwörung und Magie spielten eine große Rolle. Im Kern sei die Esoterik eine stark individualisierte, verweltlichte Form von Religion, bei der sich jeder seinen Weg selbst suche. Man müsse aber fragen, ob sie wirklich bei der Bewältigung des Lebens helfe. Hempelmann: „Esoterische Religiosität kennt in der Regel keine feste Gemeinschaft, keine feste Bindung; man geht zu einem Workshop am Wochenende und bezahlt einen stolzen Preis dafür, aber ansonsten muss jeder selbst für sein Glück sorgen.“

Wenige bekennende Atheisten

Eine Gegenbewegung zur Esoterik sieht Hempelmann in radikal atheistischen Gruppen wie der Giordano-Bruno-Stiftung (Mastershausen/Hunsrück). Sie lehne den christlichen Glauben in aggressiver Weise ab. Religiöses Bewusstsein erklärt sie naturalistisch mit „Überaktivitäten im Schläfenlappen“. Hempelmann hält es für ungerechtfertigt, dass atheistische Organisationen mehr Mitspracherechte fordern, etwa im Deutschen Ethikrat. Die Giordano-Bruno-Stiftung habe etwa 2.200 Freunde und Förderer, der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten etwa 800 Mitglieder und der Humanistische Verband Deutschlands etwa 10.000. Es gebe also nur wenige bekennende Atheisten. Der Versuch von Atheisten, die Konfessionslosen zu vereinnahmen, sei eine leicht durchschaubare Strategie.

Kirche: Sprachlos beiden „letzten Dingen“

Als Schwachstellen der evangelischen Kirche sieht Hempelmann ihre Sprachlosigkeit bei Fragen nach den letzten Dingen an: „Was passiert mit den Toten? Was erwartet uns mit dem ewigen Leben? Was geschieht mit dem Kosmos?“ Sogenannte Endzeitgemeinschaften stellen solche Fragen in den Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, oft verbunden mit einer spekulativen Naherwartung des Weltendes.