24. September 2017

Love-Parade: Beten um Gottes Beistand

Quelle: idea.de

Eva Herman: Wie Sodom und Gomorrha.Duisburg (idea) – Nach der Katastrophe auf der Love-Parade am 24. Juli in Duisburg mit 19 Toten und 340 zum Teil schwer Verletzten herrscht Erschütterung. Doch während der amtierende EKD-Ratsvorsitzende, der rheinische Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), und Papst Benedikt XVI. in ihren Stellungnahmen der Opfer und ihrer Angehörigen gedenken, zieht die Buchautorin und Fernsehmoderatorin Eva Herman (Hamburg) eine Parallele zwischen der Love-Parade und der alttestamentlichen Geschichte von Sodom und Gomorrha (1. Mose 19).
 

Danach ließ Gott die beiden Städte wegen des sündigen Treibens ihrer Bewohner untergehen; nur Lot und seine Töchter wurden gerettet. Schneider zeigte sich erschüttert über die Katastrophe bei der Love-Parade und vom Schicksal derer, „die ein fröhliches Fest feiern wollten und ihr Leben auf so tragische Weise verloren haben“. Weiter meint er: „Unsere Fürbitte gilt den Menschen, die um die Opfer trauern, den Verletzten und Geschockten sowie den Einsätzkräften aus Polizei und Rettungsdiensten, die unter den Eindrücken dieser Tragödie leiden. Wir vertrauen auf die biblische Zusage Gottes, dass er denen nahe sein wird, die zerbrochenen Herzens sind.“ Wie die rheinische Kirche mitteilt, sei in vielen Gottesdiensten im Rheinland der Opfer und ihrer Angehörigen in Gebeten gedacht worden. Der Papst bat beim Mittagsgebet in der Sommerresidenz Castel Gandolfo für die trauernden Angehörigen und Freunde sowie die Verletzten „um den Trost und Beistand des Heiligen Geistes“.

Ist Drogen-, Alkohol- und Sexorgie Kultur?

Herman übte in einem Kommentar auf der Internetseite ihres Verlages scharfe Kritik an der Love-Parade. Die vielfach als „friedliches Fest fröhlicher junger Menschen“ bezeichnete Veranstaltung sei in Wahrheit „eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie“. Wer sich die Bilder aus früheren Jahren ansehe, glaube, „in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden“. Auch in diesem Jahr hätten viele Raver bereits vor dem Unglück „wie ferngesteuert“ gewirkt: „Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie im Trance“. Die 1,4 Millionen Partygäste hätten gewusst, was sie erwartet, und seien gerade deshalb gekommen. Herman: „Begriffe wie Sittlichkeit und Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen in Nichts aufgelöst.“ Scharf kritisiert sie auch die Stadt Duisburg und das Land Nordrhein-Westfalen. Sie hätten im Vorfeld den Eindruck erweckt, als handele es sich bei der Love-Parade um eine Kulturveranstaltung auf höchstem Niveau. Dabei stehe die „geilste Party der Welt“ mit ihren Auswüchsen „symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft“. Dass jetzt das Aus für die Love-Parade gekommen sei, begrüßt Herman: „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen.“ Allerdings sei es „grauenhaft, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste“.

Vaterunser am Unglücksort

In der Nähe des Unglücksorts haben inzwischen viele Trauernde Blumen abgelegt und Kerzen entzündet. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie Menschen dort spontan das Vaterunser beteten. Weit über 100 evangelische, katholische und freikirchliche Notfallseelsorger kümmerten sich vor Ort um die Betroffenen. Der Landespfarrer für Notfallseelsorge, Joachim Müller-Lange, kritisierte, dass die Party auch nach der Katastrophe fortgesetzt wurde: „Wir hätten uns gewünscht, dass es auf dem Fest eine vernünftige Ansage über die Katastrophe gäbe.“ Mit seinen Kollegen habe er sich vor allem um Augenzeugen kümmern müssen, die dem Unglück entkamen und andere sterben sahen. Viele verzweifeln daran, dass sie sich vom eigenen Überlebenswillen leiten ließen, über Sterbende hinwegtraten, anstatt zu helfen, berichtete Müller-Lange. In solchen Fällen sei es wichtig, die Schuld als zusätzliche Belastung anzuerkennen und nicht zu bagatellisieren. Der leitende Notfallseelsorger und Baptistenpastor André Carouge (Kamp-Lintfort) war ursprünglich eingeteilt, um sich um kleinere Probleme der Raver zu kümmern – verlorene Schlüssel, durstige Tänzer oder Kinder, die von ihren Eltern gesucht werden, sagte er gegenüber idea. Doch dann habe er mit zwei Kollegen im Unglückstunnel, wo die Toten noch gelegen hätten, „ein absolutes Chaos“ vorgefunden. Die Frage, wer dafür letztlich verantwortlich sei, habe er sich bisher nicht stellen können. Bis Mitternacht sei er vor Ort gewesen, um zu helfen.

Love-Parade-Erfinder: Veranstaltern ging es um Profit

Unterdessen hat der Gründer der Love-Parade, Matthias Roeingh (Berlin), – alias „Dr. Motte“ – die Veranstalter scharf kritisiert. Sie seien schuld an der Katastrophe. Er warf ihnen „reine Profitgier“ vor: „Da ging es doch nur ums Geldmachen. Die Veranstalter haben nicht das geringste Verantwortungsgefühl für die Menschen gezeigt.“ Es sei ein Skandal gewesen, die Menschen nur durch einen einzigen Zugang auf das Gelände zu lassen, sagte er dem „Berliner Kurier“. In seinem Blog im Internet kritisiert er die Fortsetzung der Feier nach dem Unglück als „ekelhaft“.

Kirchliche Bedenken gegen Love-Parade

Gegen die Massenveranstaltung hatte es schon im Vorfeld kirchliche Bedenken gegeben. Bereits Anfang des Jahres hatte der Evangelische Kirchenkreis Duisburg die Stadt aufgefordert, auf die Durchführung zu verzichten. Das dafür benötigte Geld sollte besser in eine nachhaltige Jugendarbeit fließen, sagte der Duisburger Superintendent, Pfarrer Armin Schneider, am 9. Februar gegenüber idea. Damals rechnete Duisburg mit Kosten von rund 840.000 Euro; in Medienberichten beliefen sich die Schätzungen auf bis zu zwei Millionen. Im vergangenen Jahr war das Spektakel in Bochum abgesagt worden; ein Hauptgrund war die mangelnde Kapazität des Hauptbahnhofs. Die Love-Parade wurde zwischen 1989 und 2006 16 Mal in Berlin ausgetragen. 2007 fand sie in Essen mit 1,2 Millionen, 2008 in Dortmund mit 1,6 Millionen Besuchern statt. Nach der Tragödie von Duisburg soll es keine Love-Parade mehr geben.